Die Künstlerin in der Literatur

Die Anglistin Julia Lajta-Novak vergleicht Fakt und Fiktion in biografischen Romanen über Künstlerinnen: ein spannendes und ausuferndes Unterfangen.

Das Leben scheint Julia Lajta-Novak leichtzufallen. Was immer die Anglistin erzählt, über ihren Werdegang, ihre Forschung, die Lehre, sie sprudelt über vor Begeisterung. Schon als Kind habe sie gewusst, dass sie Englisch studieren möchte. „Wir waren jeden Sommer in England campen“, erzählt sie. „Mit zehn kannte ich die ganze Royal Family auswendig: Wer mit wem verwandt ist, wie die Kinder heißen – die Kultur war mir immer sehr nahe.“

Gefördert wurde die Begeisterung der Wienerin durch eine fantastische Englischlehrerin in der Schule, ein Studium, das bis in die kleinste Nebenvorlesung Spaß gemacht habe, ihre Jahre als Erasmus-Studentin in Edinburgh und am Goldsmith-College in London. „Eigentlich wollte ich nach dem Studium der Uni den Rücken kehren, weil das Schreiben der Diplomarbeit eine so einsame Sache war“, erzählt die 34-Jährige.

 

Rolle der Frau im Wandel der Zeit

„Aber in London haben mir die Literaturseminare so sehr gefehlt, dass ich ständig zu Lesungen und Performances gegangen bin.“ Daraus entwickelte sich bald ein Doktoratsthema: „Ich habe eine Methode für die Analyse von Poetry Performances entwickelt, also von Lesungen von Dichterinnen und Dichtern.“

Dafür gab's viel Anerkennung: ein Doc-Stipendium der Akademie der Wissenschaften, drei Preise nach Fertigstellung der Dissertation, 2011 die Veröffentlichung in einem renommierten internationalen Verlag. Auch die anschließende Bewerbung um eine Hertha-Firnberg-Stelle, mit der der Österreichische Wissenschaftsfonds FWF qualifizierte Frauen am Beginn ihrer wissenschaftlichen Karriere fördert, war sofort erfolgreich.

Das große Thema, das die nebenbei auch noch Stabhochsprung-Begeisterte im Rahmen ihrer Habilitation beschäftigt, ist die fiktionale Künstlerbiografie, „ein noch wenig untersuchtes Forschungsfeld“. Lajta-Novak analysiert, wie Künstlerinnen, die es tatsächlich gab, in biografischen Romanen dargestellt werden. „Mich interessiert die Rolle, die diesen Frauen zugeschrieben wird: ihre Rolle als Künstlerin, ihre Rolle als Frau – was es bedeutet, in dem Roman eine Frau zu sein.“ In früheren Jahrhunderten stand die Kunstausübung ja oft in einem Spannungsverhältnis zur traditionellen Frauenrolle, die Frauen rein der privaten Sphäre zuordnet. „Wie gehen die Bücher nun mit dem Ruhm dieser Frauen um? Aber auch: Welche Fakten werden für den Roman herangezogen, welche bewusst verändert?“

So fand Lajta-Novak vier Romane über Clara Schumann. In einem davon aus den 1950ern wird die virtuose Pianistin und Komponistin, die zu Lebzeiten viel berühmter war als ihr Mann Robert, als glückliche Ehefrau und Mutter dargestellt; um die Jahrtausendwende wird sie zum Opfer eines psychopathischen Ehemanns oder zur feministischen Vorreiterin. „Oft erzählen fiktionale Biografien mehr von der Zeit, in der sie entstehen, als über die Zeit, die sie porträtieren“, weiß Lajta-Novak, die am liebsten sämtliche Künstlerinnenbiografien gesichtet hätte, sich nun aber vor allem auf bekanntere Frauen konzentriert, über die zum Teil schon mehrfach geschrieben wurde. „Sonst ufert es noch mehr aus“, lacht sie.

Die Namen reichen quer durch die Jahrhunderte und Kunstsparten: von der italienischen Barockmalerin Artemisia Gentileschi (1584 bis etwa 1653) über die englische Schauspielerin und Geliebte König Charles‘ II, Nell Gwynne (1650–1687), oder die viktorianische Dichterin Elizabeth Barrett Browning (1806 bis 1861) bis hin zu Frauen der jüngeren Vergangenheit wie Frida Kahlo, Billie Holiday, Marilyn Monroe oder Maria Callas. „Letztlich werde ich nur eine Auswahl davon analysieren – es soll ja ein Buch daraus werden“, beteuert Lajta-Novak. Freilich „ein sehr breit angelegtes“.

ZUR PERSON

Julia Lajta Novak wurde 1979 in Wien geboren, wo sie Anglistik an der Uni Wien studierte. Nach mehreren England-Aufenthalten schrieb sie eine viel beachtete Dissertation über eine Methode, Lesungen von Dichtern zu analysieren. Die Arbeit erschien 2011 als Buch. Derzeit verfasst die 34-Jährige mit einem Hertha-Firnberg-Stipendium ihre Habilitation am Institut für Anglistik der Universität Wien, ab Oktober in Salzburg: über Romane, die historische Künstlerinnen porträtieren. Lajta-Novak ist verheiratet und lebt in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2014)

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