Martin Gronau: Die Menschheit und das Biest

Der Althistoriker Martin Gronau untersucht, wie Tiere politische Debatten im antiken Griechenland geprägt haben: als Vorbild und als Schreckbild der Menschenwelt.

Der „Pöbel“ als „dummes Weidevieh“ oder Tyrannen als „menschenfressende Wölfe“. Martin Gronau erforscht Naturvergleiche der Antike.
Der „Pöbel“ als „dummes Weidevieh“ oder Tyrannen als „menschenfressende Wölfe“. Martin Gronau erforscht Naturvergleiche der Antike.
Der „Pöbel“ als „dummes Weidevieh“ oder Tyrannen als „menschenfressende Wölfe“. Martin Gronau erforscht Naturvergleiche der Antike. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Der König der Löwen ist eine moderne Fabel, in der die Monarchie als natürliche Herrschaftsform dargestellt wird. „Das ist eine von vielen politischen Tiergeschichten, die so oder ähnlich seit der Antike von Generation zu Generation weitererzählt werden“, sagt Martin Gronau, Doktorand der Alten Geschichte an den Universitäten Innsbruck und Frankfurt am Main.

Gronau erforscht, wie Herrscher und Anführer des klassischen Griechenlands im fünften und vierten Jahrhundert v. Chr. Tiere in die menschliche Welt projizierten. Sie nahmen eine ambivalente Position ein: Die Bienenkönigin konnte etwa zum natürlichen Vorbild für politische Strukturen werden. Andere Tierarten wurden politischen Gegner zugeschrieben. Demnach galten Tyrannen dem Volk als „menschenfressende Wölfe“. Der „Pöbel“ wurde von Demokratiekritikern als „dummes Weidevieh“ beschrieben.

 

Tier-Mensch-Beziehung seit Aristoteles

Bereits die griechischen Philosophen beschäftigten sich intensiv mit der Tier-Mensch-Beziehung in der Politik. Von Aristoteles stammt der Satz: „Der Mensch ist von Natur aus ein Zoon politicon“, ein politisches Tier. Bei ihm sind Eigenschaften der Tierwelt im menschlichen Dasein zu finden, gleichzeitig ist die Tierwelt selbst politisch. „Bei Aristoteles leben Bienen, Kraniche und Wespen in einer guten politischen Ordnung unter Anführern. Ebenso die Ameisen, die bei ihm aber in einer herrschaftslosen, anarchischen Ordnung leben“, sagt Gronau.

Gerade Schwarmtiere erscheinen in griechische Schriften wie Epen, Tragödien, Komödien und politische Abhandlungen als faszinierendes Vorbild oder fürchterliches Schreckbild. Einerseits existieren Geschichten von Bienenschwärmen, die ganze Städte angreifen und die Menschen vertreiben. Für Platon sind die Bienen andererseits Vorbild für die Koloniegründungen. Wenn das Bienenvolk zu schnell wächst, kommt es zu einem Populationsdruck. Die alte Bienenkönigin wandert aus und nimmt die Hälfte vom Schwarm mit. Damit entlastet sie den Bienenstock. Ähnlich müssten nach Ansicht des Philosophen auch griechische Städte vorgehen, sobald sie unter inneren Unruhen oder starkem Bevölkerungswachstum leiden.

Dass Tiervergleiche in der Antike beliebt waren, ist für Gronau kein Zufall, sondern Folge intensiver Naturbeobachtung. Die Tiere waren in die menschliche Lebenswelt eingebunden, ob als Transport- oder Nahrungsmittel, als Haus- oder Nutztier. Die Griechen sahen, stärker als wir heute, die Analogien der Tier- und Menschenwelt. Die Naturvergleiche blieben aber doppeldeutig. Gronau: „Die anderen, oder Fremden, lassen sich seit jeher zu primitiven Horden machen, die unmenschlich, gar bestialisch, erscheinen. Man selbst ist stark wie ein Löwe, klug wie ein Fuchs oder weise wie eine Eule.“

Argumente wie diese halten sich bis in das 21. Jahrhundert. Gronau möchte mit seinem Projekt auch den Blick auf die Probleme unserer Zeit schärfen. Er sagt: „Die merkwürdigen Widersprüche und Denkfiguren der Antike haben ein hohes Aufklärungspotenzial für unsere Gegenwart.“ So zweifelt Gronau daran, dass die katastrophalen humanitären Zustände heutiger Krisenregionen durch die Drohnenschwärme der westlichen Welt stabilisiert werden können. Regelrecht problematisch erscheint ihm die Idee, dass man die Bestie im Menschen einfach „zügeln“ oder sogar „züchtigen“ muss, um „am Rand der zivilisierten Welt“ endlich für „Recht und Ordnung“ zu sorgen.

Der Althistoriker ist äußerst mobil, um sich Gehör zu verschaffen. Vortragsreisen führen ihn nach Rumänien, Estland und Finnland, geforscht hat er in Dresden, Siena, Innsbruck, Pavia und Wien. In der Ferne findet Gronau Anregungen für die Arbeit und geht seiner größten privaten Leidenschaft nach: der Dokumentar- und Kunstfotografie.

Zur Person

Martin Gronau (geboren 1983 in Zwickau, Deutschland) studierte Lehramt für die Fächer Geschichte, Gemeinschaftskunde und Altgriechisch an den Universitäten Dresden und Siena. Danach begann er das Studium der Alten Geschichte an den Unis Innsbruck und Frankfurt/Main. Aktuell ist er Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften der Kunstuniversität Linz (IFK), das in Wien seinen Sitz hat.

Alle Beiträge unter: diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2015)

Kommentar zu Artikel:

Martin Gronau: Die Menschheit und das Biest

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen