Vom Allergen zur Allergie-Impfung

Sandra Wieser erforscht bisher unbekannte Auslöser von Weizenallergien. Die neuen Erkenntnisse sollen eine bessere Diagnose und sogar eine Impfung möglich machen.

Sandra Wieser
Sandra Wieser
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Eigentlich wollte ich ja nur die Diplomarbeit machen“, beschreibt Sandra Wieser ihre wissenschaftliche Karriere in der Immunologie. Tatsächlich wurden daraus eine preisgekrönte Dissertation und sieben Jahre Forschung in der Arbeitsgruppe von Rudolf Valenta am Department für Pathophysiologie und Allergieforschung der Med-Uni Wien. Ziel ihres Projekts ist, die Auslöser von Weizenallergien genauer zu erforschen und damit die Allergie besser diagnostizieren zu können. Sie tritt häufig bei Kindern auf, bis zu ein Prozent aller Kinder entwickelt eine Weizenallergie. Einmal sensibilisiert, löst das Getreide bei den Patienten eine überschießende Immunreaktion aus, die mehr oder weniger starke Symptome haben kann – von leichten Hautreaktionen bis zu lebensgefährlichen Schockzuständen.

Wiesers Forschungsarbeit begann mit der Idee, neue Allergene – das heißt Proteine, auf die das Immunsystem bei einer Allergie verstärkt reagiert – zu finden. Denn je genauer man weiß, wogegen die überschüssigen Antikörper gebildet werden, desto besser kann man die Allergie diagnostizieren und behandeln. „Gerade beim Abschluss des Diploms war das Projekt an einem so spannenden Punkt, dass ich nicht gehen, sondern weiterforschen wollte“, so Wieser.

 

Alle Proteine des Weizens untersucht

Praktisch das volle Arsenal an Proteinen (Proteom) des Weizens wurde im Laufe ihrer Dissertation auf eine Reaktion mit dem Blut von Patienten mit Weizenallergie getestet. Hatten die Patienten im Laufe ihrer Allergie sogenannte IgE-Antikörper – die typischerweise die allergische Reaktion begleiten – gegen die untersuchten Proteine gebildet, konnte dies im Labortest nachgewiesen und damit ihre allergene Rolle belegt werden.

Im Rahmen der Studie konnten tatsächlich mehrere bisher unbekannte, teilweise stark allergieauslösende Proteine identifiziert und charakterisiert werden. Dies wird nun hoffentlich zur besseren Diagnostik von Weizenallergien beitragen. Denn obwohl der Begriff Allergie medizinisch ganz klar definiert ist, bleibt in der Praxis oft unklar, ob eine Unverträglichkeit bestimmter Nahrungsmittel allergischer Natur ist oder nicht vielleicht die Folge einer anderen Erkrankung oder gar psychosomatischer Natur.

Die identifizierten Getreideproteine werden auf einen Allergenchip aufgebracht, der derzeit von Wieser und ihren Kollegen entwickelt und getestet wird. Schon mit sehr geringen Mengen Blut können auf dem Chip die gegen die Proteine gerichteten IgE-Antikörper und somit die Allergie nachgewiesen werden.

Allerdings soll der Chip nicht ohne vorherigen Verdacht auf eine Allergie zum Einsatz kommen. „Im Moment ist der Aufwand noch zu groß, um Kinder standardmäßig prophylaktisch zu testen, und wir können die Ergebnisse noch nicht eindeutig genug interpretieren. Das wäre unnötige Panikmache“, meint Wieser. Denn IgE-Antikörper im Blut müssen nicht gleich eine starke allergische Reaktion herbeiführen. Der Chip kann jedoch Gewissheit bei verdächtigen Symptomen bringen und eine gezielte Therapie ermöglichen.

Wiesers Projekt wurde kürzlich mit dem Acteria Doctoral Prize ausgezeichnet, der Preis erlaubt nun weitere drei Jahre Forschung. Ein Glück, wie sie betont: „Manche Kollegen müssen gehen, auch wenn ihre Ergebnisse vielversprechend sind.“ Grund sind fehlende finanzielle Mittel oder der Zwang zur Personalrotation, der verhindert, dass Wissenschaftler zu lange durchgehend an der Uni beschäftigt sind. Wieser hat für die kommenden Jahre schon Pläne: Weitere Allergene sollen charakterisiert werden, und sogar die Entwicklung einer Anti-Allergie-Impfung spezifisch für Weizen wäre möglich. Durch die Impfung binden nicht allergieauslösende IgG-Antikörper die Allergene und blockieren die Bindungsstellen für IgEs – so wäre die Allergie erstmals dauerhaft geheilt.

ZUR PERSON

Sandra Wieser (bis vor Kurzem hieß sie Pahr) wurde 1985 in Oberwart geboren. Nach dem Studium der Genetik/Mikrobiologie mit Schwerpunkt Immunologie an der Uni Wien schloss sie Diplomarbeit und Dissertation am Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung der Med-Uni Wien ab. Außerdem war sie an einem Patent und an dem internationalen EU-Projekt MeDall (Mechanisms of the Development of Allergy) beteiligt.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2015)

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