Bernd Zwattendorfer: Ein elektronisches „Wer bin ich?“

Der Computerwissenschaftler Bernd Zwattendorfer hat in Graz erforscht, wie man E-Government in der EU grenzüberschreitend sicher machen kann.

(c) REUTERS (THOMAS PETER)

Bei einer Dissertation ist es schwer, eine Nische zu finden, in der noch nicht viel geforscht wurde und trotzdem ein Mehrwert für viele Leute erzeugt werden kann“, sagt Bernd Zwattendorfer von der TU Graz. Für seine Dissertation fand er ein Thema, das immer mehr im Alltag ankommt: E-Government, also die Abwicklung von Behördenwegen auf elektronischem Weg.

Geholfen hat sicher, dass Zwattendorfer seit 2007 im E-Government-Innovationszentrum (EGIZ) der TU Graz tätig ist. „Das Zentrum hat eine Partnerschaft mit dem österreichischen Bundeskanzleramt. Die Idee ist dabei auch, technische Innovationen im Umfeld des E-Government voranzutreiben“, sagt Zwattendorfer, dessen Dissertation im Oktober 2015 mit dem TÜV-Austria-Wissenschaftspreis ausgezeichnet wurde.

Eines seiner Spezialgebiete ist, wie sich eine Person in einem EU–Land elektronisch ausweisen kann, um im E-Government seine Identität zu belegen. Wir haben dazu in Österreich zwei Möglichkeiten: die Bürgerkarte, z. B. eine zur Bürgerkarte aktivierte E-Card, die man am Computer in ein Kartenlesegerät steckt, und die Handy-Signatur, die ohne zusätzliches Gerät einfach per Passwort und SMS-Bestätigung die gleiche Identitätsgarantie ermöglicht wie eine echte Unterschrift.

 

Italienischer Pizzabäcker in Österreich?

„Doch in jedem Land der EU gibt es unterschiedliche Systeme, wie man elektronisch die Frage beantwortet: Wer bin ich?“, sagt Zwattendorfer. So war es bisher nicht möglich, sich etwa mit der heimischen Bürgerkarte bei einem slowenischen E-Government-Service anzumelden. „Oder ein Pizzabäcker aus Italien, der in Österreich ein Gewerbe eröffnen will, konnte nicht im österreichischen System seinen nationalen elektronischen Ausweis zur Identitätsbestätigung verwenden“, sagt der junge Klagenfurter.

Dies unterscheidet die digitale Welt von der analogen: Denn ein italienischer Pass oder Personalausweis würde bei der Vorlage im Amt sehr wohl akzeptiert.

„Meine Aufgabe war es nicht, ein neues System für Europa zu entwickeln, sondern eine Zwischenschicht einzuziehen, damit sich alle bestehenden Systeme verständigen können“, beschreibt Zwattendorfer. Die Forschungen dazu wurden im EU-Projekt Stork (Secure Identities Across Borders Linked) finanziert, das zum Ziel hatte, elektronische Ausweise in Europa grenzüberschreitend zu verwenden. „Dabei gibt es Herausforderungen auf technischer, semantischer, organisatorischer und rechtlicher Ebene“, sagt der Computerwissenschaftler.

Woher weiß etwa ein fremdes System, ob der eingegebene Name der Vor- oder Nachname der Person ist? Wie verstehen sich die Bits und Bytes aus Spanien mit denen aus Schweden? „Ich habe vor allem die Sicherheitsaspekte dieser Herausforderungen bearbeitet. Einfach gesagt konnte ich eine bestehende Grammatik mit neuen Regeln erweitern, sodass sich europäische Ausweissysteme verstehen können.“

Das Ganze wurde noch um einen Schritt komplizierter, weil Zwattendorfer zudem beweisen wollte, dass man die Sicherheit von E-Government-Daten auch im Cloud Computing gewähren kann. Wer eine virtuelle Cloud statt eines eigenen Rechenzentrums nutzt, um Daten zu speichern oder zu verarbeiten, kann zwar Kosten sparen, weil die jeweilige Leistung nur wie bei einer Stromrechnung nach dem verrechnet wird, was man tatsächlich benutzt hat.

Aber man muss sicherstellen, dass die dort gelagerten sensiblen Daten nicht einmal vom Cloud-Betreiber gelesen werden können, sondern nur vom E-Government-Management des jeweiligen Landes.

 

Eishockeyfan aus Klagenfurt

Auf Basis von Zwattendorfers Ergebnissen entstand nun noch ein EU-Projekt (www.credential.eu), das sicheres Identitätsmanagement im Cloud Computing erforschen soll. Neben der TU Graz sind aus Österreich auch das Austrian Institute of Technology, AIT, und zehn weitere Partner aus der EU dabei. „Das Tolle daran ist, dass wir die neue Technologie vom Konzept bis nahe an das fertige Produkt führen können.“
Privat ist Zwattendorfer nicht mehr der Technik-Freak, der er zu Beginn des Studiums war: „Sicher interessiere ich mich noch für neue Betriebssysteme, Smartphones und Cloud-Lösungen. Aber es bleibt wenig Zeit für Spielereien.“ Immerhin pendelt er von Klagenfurt, wo er mit Frau und Tochter lebt, wöchentlich nach Graz und ist beruflich auch weltweit viel unterwegs. Nur den Eishockey-Sport hat der Klagenfurter nie aufgegeben. Der KAC-Fan spielt regelmäßig in einem Hobby-Verein.

Zur Person

Bernd Zwattendorfer wurde 1980 in Klagenfurt geboren und studierte an der TU Graz Telematik. 2004 absolvierte er ein Erasmus-Semester in Finnland an der Universität Helsinki. Die finnische Sprache hat ihn fasziniert, aber heute kann er außer „Minä olen itävaltalainen“ („Ich bin aus Österreich“) nicht mehr viel. Nach seiner Doktorarbeit an der TU Graz kann er nun am dortigen E-Government-Innovationszentrum in einem EU-Projekt weiterforschen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2016)

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