Alice Vadrot: Streitobjekt Naturschutz

In ihrem ERC-Start-Preis-Projekt untersucht Alice Vadrot die Haltung einzelner Staaten bei den aktuellen Hochseeschutz-Verhandlungen der UNO.

In ihrer Forschung befasst sich Alice Vadrot mit Verhandlungen zum Schutz der Hochmeere. In der Freizeit besucht sie gern das Haus des Meeres.
In ihrer Forschung befasst sich Alice Vadrot mit Verhandlungen zum Schutz der Hochmeere. In der Freizeit besucht sie gern das Haus des Meeres.
In ihrer Forschung befasst sich Alice Vadrot mit Verhandlungen zum Schutz der Hochmeere. In der Freizeit besucht sie gern das Haus des Meeres. – (c) Akos Burg

Als Teenager wollte Alice Vadrot Diplomatin werden. Die Laufbahn, die sie tatsächlich eingeschlagen hat, ist davon gar nicht so weit entfernt. „Ein Großteil meiner Arbeit basiert auf Feldforschung bei zwischenstaatlichen Verhandlungen im Zuge internationaler Umweltabkommen“, sagt die Politikwissenschaftlerin. Seit gut zehn Jahren beobachtet sie das Zusammenspiel von Macht und Wissenschaft in der Umweltpolitik. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass mir der analytische Blick auf die Diplomatie und ihre Praktiken mehr liegt als das Diplomatendasein selbst.“

2008, noch als Studentin der Politikwissenschaft an der Uni Wien, hat Vadrot erstmals an einer Vertragsstaatenkonferenz der UN-Konvention über die biologische Vielfalt teilgenommen. „Ein Mega-Event, bei dem Regierungsvertreter aus aller Welt über die Rahmenbedingungen für den Artenschutz und den nachhaltigen Umgang mit der Natur verhandelten“, erzählt die 32-Jährige. „Man fand, dass mehr Wissen den politischen Willen zum Naturschutz erhöhen würde, und diskutierte die Einrichtung eines dem Weltklimarat ähnlichen Gremiums.“

 

Stellenwert ist sehr unterschiedlich

Die Debatten der Entscheidungsträger faszinierten Vadrot. Insgesamt habe es sieben Jahre gedauert, bis der Weltbiodiversitätsrat 2012 endlich installiert war; mehrfach sei es an der Kippe gestanden. Nach ihrer ersten Berührung mit seiner Entstehungsgeschichte hat Vadrot den Prozess weiterverfolgt, 2013 darüber promoviert und ein Jahr später ein Buch über die Rolle dieser Organisation in der internationalen Umweltpolitik und die Interessenkonflikte auf dem Weg zu seiner Gründung veröffentlicht.

Auch wenn der Kampf gegen den Klimawandel und der Erhalt bedrohter Arten vertraute Schlagworte sind: Die Voraussetzung dafür, dass Staaten sich überhaupt darüber austauschen und kooperieren, ist nicht leicht herzustellen. „Darum haben sich seit dem Erdgipfel vor über zwanzig Jahren nicht nur nationale Bürokratien herausgebildet, sondern auch nationale und internationale Forschungsprogramme, Institutionen und Expertenkreise“, schildert Vadrot. „Der Stellenwert von Themen, das Problemverständnis und die Machtverhältnisse sind weltweit sehr unterschiedlich.“

Ihr Forschungsfokus ist die Wechselwirkung zwischen wissenschaftlichen Konzepten und politischen Verhandlungsprozessen. Wie fließt das eine in das andere ein? Welche Forschungsergebnisse greift die internationale Staatengemeinschaft auf? Warum einigt sie sich auf bestimmte Lösungen und auf andere nicht? Wie verlaufen die Konflikte zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern? Etwa in der Frage, was rechtmäßiges Wissen über die Natur ist.

2015 ging die in Deutschland aufgewachsene Tochter eines Franzosen und einer Österreicherin für zwei Jahre als Erwin-Schrödinger-Stipendiatin an die Universität Cambridge. Dort beschäftigte sie sich unter anderem mit der Datenerfassung innerhalb der umweltpolitischen Verhandlungsräume. Sie entwickelte Methoden, um auf dieser Basis zu verstehen, welche Wissensgrundlagen die einzelnen Akteure bevorzugt heranziehen, um ihre Position zu festigen.

Seit dem Vorjahr ist Vadrot Postdoc am Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien. Ihren neuen methodischen Ansatz wird sie nun am Beispiel der im April begonnenen UN-Beratungen über ein Abkommen zum Schutz der Artenvielfalt in der Hochsee anwenden. „Dabei werden die Bedingungen ausverhandelt, unter denen Meeresschutzgebiete errichtet und wissenschaftlich beobachtet werden können.“ Auch werde es um die Frage gehen, wem genetische Ressourcen und Datensätze aus Forschungsaktivitäten gehören.

Für ihr Projekt hat Vadrot einen hochdotierten Starting Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC) bekommen. „Der Begutachtungsprozess war hart“, sagt sie mit einem Lächeln. „Vor meinem Interview durch den ERC bin ich mit meinem Mann 250 Kilometer an der Küste Cornwalls gewandert, um mich mental vorzubereiten.“ Fast zeitgleich mit der Vergabe des ERC-Grants hat sie geheiratet. „Vor mir liegt also gerade sehr viel spannende Zukunft.“

Zur Person

Alice Vadrot (32) studierte in Wien und Paris Politikwissenschaften, Philosophie und Slawistik. 2013 promovierte sie in Politikwissenschaft zur Entstehung des Weltbiodiversitätsrats. Mit einem Erwin-Schrödinger-Stipendium des Wissenschaftsfonds FWF forschte sie zwei Jahre an der University of Cambridge, Großbritannien. Sie ist Postdoc am Institut für Politikwissenschaften der Uni Wien und erhielt jüngst einen Start-Preis des ERC.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2018)

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