„Ausbeutung hat viele Gesichter“

Was müssen Staaten tun, um Menschenhandel effizient zu bekämpfen? Julia Planitzeruntersucht, wie die Rechte der Betroffenen verbessert werden können.

Julia Planitzer arbeitet vorrangig zum Thema Menschenhandel und seinen Zusammenhängen mit den Menschenrechten.
Julia Planitzer arbeitet vorrangig zum Thema Menschenhandel und seinen Zusammenhängen mit den Menschenrechten.
Julia Planitzer arbeitet vorrangig zum Thema Menschenhandel und seinen Zusammenhängen mit den Menschenrechten. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Bei Menschenhandel denken die meisten ausschließlich an sexuellen Missbrauch“, sagt Julia Planitzer. „Dabei gibt es Ausbeutung in vielen Bereichen.“ Weltweit arbeiten rund 45 Millionen Männer, Frauen und Kinder unter menschenunwürdigen Bedingungen, sei es nun in Bordellen, Fabriken, Haushalten, am Bau oder in der Landwirtschaft. Planitzer ist Juristin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Menschenrechte in Wien. „Zwangslagen beginnen oft damit, dass Leute aus wirtschaftlicher Not auf falsche Jobversprechen in einem anderen Land hereinfallen, dort für Knochenarbeit gar nicht oder kaum bezahlt werden und sich zugleich einem Berg Schuldforderungen für Vermittlung, Reise und Unterkunft gegenübersehen, den sie abarbeiten sollen“, unterstreicht sie. „Ich sehe mir an, welche rechtlichen Verpflichtungen Staaten eingegangen sind, um solche Machenschaften zu verhindern.“

Welche Standards hier für Betroffene ausschlaggebend sind und folglich angewandt werden sollten, war bereits Thema ihrer Doktorarbeit. „Salopp zusammengefasst ging es darum, was es bedeutet, Menschenhandel als Menschenrechtsverletzung zu sehen. Denn das hat ja Folgen für die Regierungen, sie müssen handeln.“ Zentrales Thema der 2013 fertiggestellten Dissertation war das Europaratsübereinkommen gegen den Menschenhandel. Seit Jänner dieses Jahres ist Planitzer selbst Mitglied der unabhängigen Expertinnen- und Expertenkommission des Europarats, die die Umsetzung des Übereinkommens in den 47 Vertragsstaaten überwacht. „Ich freue mich sehr, dass ich in das Gremium gewählt wurde“, bekräftigt sie. Zudem leitet sie gerade ein Projekt des Wissenschaftsfonds FWF, in dem jeder einzelne Artikel dieses Übereinkommens ausführlich kommentiert und präzisiert wird.

 

Wer trägt die Verantwortung?

Dabei hatte sie sich eher zufällig für Jus entschieden. „Nach der Matura habe ich noch gar nicht so genau gewusst, was ich einmal machen will“, erinnert sich die 37-Jährige. „Und ehrlich gesagt, fand ich das Studium anfangs ziemlich zäh.“ Der berühmte Knopf ging ihr erst im Erasmus-Jahr in den Niederlanden auf. „An der Universität Nijmegen habe ich mich erstmals intensiv mit Völker- und Europarecht befasst, da hat es mich gepackt.“ Zurück in Wien, landete während eines Praktikums im Ministerium das Thema Menschenhandel auf ihrem Schreibtisch. Darin wollte sie sich weiter vertiefen. Sie wurde eine von 13 Fellows aus unterschiedlichen Fachrichtungen im Doktoratskolleg „Empowerment through Human Rights“ der Uni Wien. Dort hat mich der lebhafte Austausch untereinander sehr motiviert.“

Der Fokus von Planitzers Arbeit liegt auf verbesserten Rechten für Menschen, die Opfer von Ausbeutung geworden sind. „An unserem Institut möchten wir herausfinden, wie sie diese mit Sicherheit geltend machen und auch entschädigt werden können.“ Das scheint ein langer Weg zu sein. „Vor einigen Jahren habe ich an einer Studie der Lefö-IBF mitgearbeitet, der österreichischen Interventionsstelle für Betroffene von Frauenhandel“, erzählt sie. „Von damals 76 untersuchten Fällen haben nur fünf Frauen tatsächlich eine Entschädigung erhalten.“

Die Menschenrechtlerin beschäftigt sich auch mit der Frage, wer bei Arbeitsausbeutung zur Verantwortung zu ziehen ist. „Etwa wenn ein großes Bauunternehmen davon profitiert, dass sein kleiner Subunternehmer Leute ausnutzt und übervorteilt. Wer ist dann haftbar? Wer muss für nicht bezahlte Löhne aufkommen?“

Nebenbei hat die Steirerin viel Engagement in eine Postdocs-Arbeitsgruppe gesteckt, die ein Vertretungsorgan in Österreich aufbauen möchte. „Unabhängig vom Fach sitzen viele Postdocs im selben Boot“, so Planitzer. „Alle fragen sich, wie es weitergehen soll, die verfügbaren Stellen sind ja begrenzt.“ Von all ihren Verpflichtungen hat sie sich früher beim Rudern erholt, doch als Mutter von eineinhalbjährigen Zwillingen hat sie inzwischen „den Wert von unterbrechungsfreiem Schlaf schätzen gelernt“.

ZUR PERSON

Julia Planitzer (37) ist seit 2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin des LBI für Menschenrechte. Sie hat an der Uni Wien Jus studiert und dort auch ihr Doktoratsstudium absolviert. 2013 dissertierte sie zum Europaratsübereinkommen gegen Menschenhandel. Im November wurde sie zum Mitglied der Europarat-Expertengruppe gegen Menschenhandel gewählt, im Jänner trat sie ihr Mandat an.

Alle Beiträge unter: diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2019)

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