Magdalena Baran-Szołtys : Postsozialistischer Lesestoff

Germanistin und Slawistin Magdalena Baran-Szołtys erforscht, wie in literarischen Texten mit historischen Landschaften und gesellschaftlichen Ungleichheiten umgegangen wird.

„Ich wollte mich in meinem Leben auf etwas konzentrieren, was mir Spaß macht“, sagt die Literaturwissenschaftlerin Magdalena Baran-Szołtys.
„Ich wollte mich in meinem Leben auf etwas konzentrieren, was mir Spaß macht“, sagt die Literaturwissenschaftlerin Magdalena Baran-Szołtys.
„Ich wollte mich in meinem Leben auf etwas konzentrieren, was mir Spaß macht“, sagt die Literaturwissenschaftlerin Magdalena Baran-Szołtys. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

„In Zeiten, in denen ich intensiv forsche, bedauere ich schon manchmal, dass ich mir durch meinen Beruf das schönste Hobby kaputtgemacht habe“, sagt Magdalena Baran-Szołtys fast ein bisschen wehmütig. Immerhin hat die heutige Literaturwissenschaftlerin schon als Maturantin das gesamte Œuvre von Thomas Bernhard und Hermann Hesse gelesen. So war das Germanistikstudium damals mehr als naheliegend. Dass die Wienerin parallel dazu ein Slawistikstudium absolvierte, ist ihren biografischen Wurzeln und ihrem Interesse, mehr über ihr Herkunftsland zu erfahren, geschuldet. „Ich bin in Polen geboren, wusste aber wenig über Geschichte und Literatur, weil meine Familie schon 1991 emigriert ist“, sagt sie. Ihre Schullaufbahn startete dementsprechend bereits in der neuen Heimat.

 

Reisetexte über Galizien

Nach dem Doppelstudium arbeitete Baran-Szołtys zunächst als Rechercheurin in einem Consulting-Unternehmen. Ein Hinweis eines ehemaligen Professors auf eine Stellenausschreibung des Doktoratskollegs Galizien brachte die 33-Jährige zurück in die Forschung. Auch weil ihr Geburtsort Chrzanów zwischen Katowice und Krakau, also im ehemaligen Galizien, liegt, reizte sie das Kolleg sofort: „Ich nutze meine Expertise, die ich durch mein Leben in beiden Kulturfeldern habe, gern in meiner Forschung.“ Sie bewarb sich mit einem Projekt über Reiseliteratur nach 1989 nach (Post-)Galizien – und wurde aufgenommen.

„Das war das Beste, was mir passieren konnte“, sagt sie heute. „Es ist mein Traum, den Menschen Themen aus meiner Welt nahezubringen – und als Forscherin kann ich genau das tun.“ In ihrer Dissertation ging sie am Beispiel Galiziens der Frage nach, wie Reisen in Regionen, die nicht mehr existieren, „funktionieren“. Sie stellte fest, dass in der polnischen und deutschsprachigen Literatur die historische Landschaft als Erinnerungsraum weiterexistiert, quasi als Archiv genutzt wird. Bei den Texten, die sie untersuchte, handelte es sich sowohl um klassische Reiseliteratur als auch um Romane, in denen das Reisemotiv in der Suche nach familiären Wurzeln in Galizien steckt.

Das Doktoratsstudium schloss Baran-Szołtys 2018 ab. Seither ist sie Mitglied der vom FWF geförderten Forschungsplattform „Mobile Kulturen und Gesellschaften“ der Uni Wien und assoziierte Wissenschaftlerin in dem noch recht jungen Forschungscluster Recet (Research Cluster for the Study of East Central Europe and the History of Transformations) am Institut für Osteuropäische Geschichte. Im Fokus steht hier u. a. die historische, soziologische, ökonomische, anthropologische und politikwissenschaftliche Annäherung an den Strukturwandel, der durch die Revolutionen um 1989 in Osteuropa stattgefunden hat. Baran-Szołtys steuert – aktuell gefördert durch ein Literar-Mechana-Stipendium – die literaturwissenschaftliche Perspektive bei. Sie interessiert sich für literarische Narrative von Transformation und Ungleichheit im postsozialistischen Polen. Konkret geht es darum, wie über soziale, ethnische oder geschlechtliche Ungleichheit in literarischen Texten ab Mitte der 1980er-Jahre, etwa von Olga Tokarczuk und Marcin Wicha, geschrieben wird.

„Der soziale Wandel in der Gesellschaft lässt sich gut anhand der Literatur darstellen“, betont Baran-Szołtys. Dazu beleuchtet sie die Beziehung zwischen Literatur, Gesellschaft und Politik. „Es geht immer auch um deren wechselseitige Beeinflussung.“ Autorinnen und Autoren sind in Polen wichtige intellektuelle Instanzen. „Das hat viel damit zu tun, dass der Staat durch die Teilungen Polens zwischen 1795 und 1918 nicht existierte“, erklärt die Wissenschaftlerin. „Literaten bekamen damals eine besondere Funktion, weil sich Polen durch ihre Erzählungen seiner selbst versicherte.“

Neben ihrer ersten Heimat Polen spiegelt sich im Forschungsgegenstand der Wienerin auch ihr liebstes Hobby wider. Sie liest und analysiert nicht nur gern literarische Texte über das Reisen, sie ist auch selbst häufig im Ausland unterwegs. Baran-Szołtys: „Wenn ich zu lang an einem Ort bleibe, bedrückt mich das immer ein bisschen.“ Dann sei es wieder Zeit, auf Reisen zu gehen.

Zur Person

Magdalena Baran-Szołtys (33) hat Germanistik und Slawistik an der Universität Wien studiert. Sie promovierte 2018 am vom FWF geförderten Doktoratskolleg „Das österreichische Galizien und sein multikulturelles Erbe“. Aktuell forscht sie im Recet-Forschungscluster der Uni Wien über literarische Narrative von Transformation und Ungleichheit im postsozialistischen Polen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2019)

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