Den Krebs am Streuen hindern

Die Molekularbiologin Anna Obenauf untersucht, wie es bei Tumorerkrankungen zu Metastasen kommt, und sucht nach Wegen, um dieses tödliche Stadium zu vermeiden.

90 Prozent der Krebspatienten sterben an Metastasen, daher will Anna Obenauf ihre molekularen Mechanismen besser verstehen.
90 Prozent der Krebspatienten sterben an Metastasen, daher will Anna Obenauf ihre molekularen Mechanismen besser verstehen.
90 Prozent der Krebspatienten sterben an Metastasen, daher will Anna Obenauf ihre molekularen Mechanismen besser verstehen. – (c) AKos Burg

Um in der Forschung Erfolg zu haben, braucht es neben einigen anderen Faktoren auch viel Glück. Aber ich glaube, dass man auch das Glück beeinflussen kann“, sagt Anna Obenauf. Wie man das Glück beeinflusst? Indem man sich beispielsweise seine Mentoren gezielt aussucht. „Doch der beste Weg, um das Glück auf seine Seite zu ziehen, ist viel Arbeit.“

Hier wird deutlich, welche Charakterzüge der 35-jährigen Molekularbiologin dabei geholfen haben, bereits vor drei Jahren eine Position als Gruppenleiterin am Institut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien bekommen zu haben, letztes Jahr einen mit 1,5 Millionen Euro dotierten ERC Starting Grant des Europäischen Forschungsrats eingeworben zu haben und kürzlich in die Junge Akademie der ÖAW gewählt worden zu sein: Zielstrebigkeit, Ehrgeiz und die Bereitschaft, sich einer Aufgabe mit vollem Einsatz zu widmen. Und – vielleicht am wichtigsten – ihre Leidenschaft für die Wissenschaft. „Wenn man das von außen betrachtet, könnte es vermutlich so wirken, als hätte ich viele Opfer bringen müssen für meine Karriere. Aber es hat mir einfach unglaublich viel Spaß gemacht. Für mich war es immer das Schönste, ein Experiment abzuschließen – da war mir egal, ob das um acht am Abend oder um Mitternacht fertig wurde. Ich wollte einfach wissen, was dabei herauskommt.“

 

Bio- und Chemielehrer waren prägend

Dass die gebürtige Steirerin, die in einem kleinen Ort bei Graz aufwuchsen ist, einmal als Forscherin arbeiten würde, sei ihr nicht in die Wiege gelegt worden, sagt sie. Beide Eltern arbeiten in völlig anderen Bereichen, erst während ihrer Schulzeit begann sie sich für die Naturwissenschaften zu interessieren. Hierbei waren es vor allem die Lehrer in Chemie und Biologie, die einen prägenden Einfluss auf sie hatten. Auch ihr Geschichtslehrer sei extrem gut gewesen – bei der Wahl ihres Studiums habe sie aber auch bedacht, ob man einmal davon leben könne, betont Obenauf.

Sie schrieb sich also für Molekularbiologie an der Universität Graz ein, wo sie schnell ein Interesse an Erkrankungen und den molekularen Mechanismen, die dabei aus dem Gleichgewicht geraten, entwickelte. Ein Doktorat im Bereich Humangenetik an der Med-Uni Graz war daher ein logischer nächster Schritt, nicht zuletzt wegen des Leiters der Abteilung, Michael Speicher. „Er hat mich als Mentor sehr unterstützt und war für meinen weiteren Lebensweg entscheidend“, erinnert sich Obenauf. „Ich konnte schon sehr früh an eigenständigen Projekten arbeiten und habe bereits während meiner PhD-Zeit bei ihm Führungsqualitäten erlernt. Außerdem hat er mir ermöglicht, in wissenschaftlichem Auftrag viel zu reisen – das hat mich davon überzeugt, einen Post-Doc im Ausland zu machen.“

Nachdem ihre Doktorarbeit vom Wissenschaftsministerium mit dem Staatspreis als eine der besten Dissertationen ihres Jahrgangs ausgezeichnet worden war, ging sie daher für fünf Jahre nach New York, wo sie ihren Forschungsschwerpunkt fand: die Metastasierung von Krebs. Bis heute dreht sich ihre Arbeit um diese Endphase einer Tumorerkrankung. „90 Prozent der Krebspatienten sterben an den Metastasen, nicht am Primärtumor, daher wollen wir ein besseres Verständnis für die biologischen Prozesse der Metastasierung bekommen und dafür, wie diese metastasierten Tumore auf Therapien reagieren“, erklärt Obenauf das Ziel ihrer Forschung.

Um es zu erreichen, setzt sie auf ein breites Spektrum an Methoden: Bei ihren Experimenten arbeitet sie mit menschlichen Zelllinien, Labormäusen und neuesten genetischen Techniken wie der Genschere CRISPR, um die komplexen molekularen Mechanismen, die zu Metastasen führen, zu entschlüsseln. „Wir arbeiten auch eng mit Klinikern zusammen, um unsere Hypothesen anhand von Biopsien von Patienten zu testen“, ergänzt die Forscherin. „In unserer neuesten Studie untersuchen wir das Immunsystem in der direkten Umgebung des Tumors während verschiedener Phasen einer Therapie. Die Hoffnung ist, dass wir mit unserer Forschung bestehende Therapien besser auf den Patienten zuschneiden und neu kombinieren können.“

ZUR PERSON

Anna Obenauf (35) studierte Molekularbiologie an der Uni Graz, ihr Doktoratsstudium absolvierte sie an der Grazer Med-Uni. Nach einem Post-Doc-Aufenthalt an der Krebsklinik MSKCC in New York trat sie 2016 eine Stelle als Gruppenleiterin am Institut für Molekulare Pathologie in Wien an. 2018 erhielt sie einen ERC Starting Grant, 2019 wurde sie in die Junge Akademie der ÖAW aufgenommen.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2019)

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