Von „Spatzenhirn“ ist keine Rede

Wie schlau manche Tiere sind, erforscht die Wiener Biologin Isabelle Laumer. Menschenaffen und bestimmte Vögel lösen sogar Aufgaben, an denen Kinder scheitern.

Isabelle Laumer untersucht nicht nur die Intelligenz von Tieren, sondern engagiert sich auch für die Erhaltung ihres Lebensraumes.
Isabelle Laumer untersucht nicht nur die Intelligenz von Tieren, sondern engagiert sich auch für die Erhaltung ihres Lebensraumes.
Isabelle Laumer untersucht nicht nur die Intelligenz von Tieren, sondern engagiert sich auch für die Erhaltung ihres Lebensraumes. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Dass Menschenaffen intelligent sind, weiß man. Dass es auch kluge Hunde gibt, wird so mancher Besitzer eines Vierbeiners nicht bestreiten wollen. Aber Kakadus? Die Wiener Kognitionsbiologin Isabelle Laumer hat einige dieser Papageienvögel im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie mit kniffligen Aufgaben konfrontiert und herausgefunden: Von „Spatzenhirn“ ist keine Rede – in manchen Punkten können es die Gefiederten durchaus mit Orang-Utans und sogar mit Volksschulkindern aufnehmen.

Ein Zufall war es, der Wiener Forscher dazu brachte, den Umgang der Tiere mit Werkzeugen zu untersuchen: Am Goffin Lab der Veterinärmedizinischen Universität, wo Laumer gemeinsam mit ihrer Kollegin Alice Auersperg das Verhalten von Goffin-Kakadus, einer in Indonesien beheimateten Art, beobachtet, angelt sich „Figaro“ einen außerhalb der Voliere liegenden Kieselstein mit einem selbstgebauten Stab. „Das war verblüffend, denn ein solches Verhalten war bisher nicht belegt“, sagt Laumer.

Versuche zeigten in der Folge, dass die gewieften Vögel nicht nur in der Lage waren, Futterautomaten je nach deren Bauart mit unterschiedlichen Gegenständen zur Herausgabe von Cashewnüssen zu veranlassen, sondern dass sie auch abwägten, ob sich der Aufwand überhaupt lohnte oder es einfachere Möglichkeiten gab, an die Leckerbissen zu gelangen. „Einmal hat Figaro ein falsches Werkzeug für den Automaten, nämlich einen Ball statt eines Stäbchens, genommen, woraufhin er aus der Lehne des Holzsessels, auf dem er saß, einen Span herausgeschält und diesen als Stäbchen verwendet hat. In anderen Versuchen hat sich gezeigt, dass Goffin-Kakadus sogar auf die Idee kommen, einen Draht zu einem Haken zu biegen, um damit einen Futterbehälter zu sich zu ziehen.“ Das ist eine bedeutende kognitive Leistung, denn die Tiere müssen in der Lage sein, den Bau und den Einsatz der Werkzeuge geistig vorwegnehmen.

Damit übertreffen sie sogar junge Menschen: „Ein neues Werkzeug erfinden, das können Kinder unter acht Jahren kaum.“ Zwar haben Kinder ein Verständnis davon, welche Art von Werkzeug benötigt wird, wenn ihnen eines gezeigt wird, aber es scheine ein kognitives Hindernis bei der Erfindung zu geben, lautet die Erklärung von Entwicklungspsychologen.

 

Feldforschung und Artenschutz

Die Vögel haben gute biologische Voraussetzungen, um an derartige Probleme heranzugehen: „In Gehirnregionen, die mit kognitiven Prozessen assoziiert sind, reicht die Anzahl der Nervenzellen an jene von höheren Primaten heran“, weiß Laumer. Tatsächlich können auch Orang-Utans solche Aufgaben extrem schnell lösen, wie die Wissenschaftlerin mit Tieren am Wolfgang-Köhler-Primatenforschungszentrum im Zoo von Leipzig zeigte. Anstelle von Cashewnüssen gab es für die Affen freilich Bananenpellets als Belohnung.

Dass sich Isabelle Laumer gut mit Tieren versteht, kommt nicht von ungefähr: Die Forscherin ist Tochter eines Tierarztes und einer Biologielehrerin. Während des Studiums leitete sie Führungen durch den Tierpark Schönbrunn und bereiste die Welt, um Feldforschungen mit Elefanten, Bisons, Meeresschildkröten oder Graugänsen durchzuführen. Sie untersucht nicht nur die Intelligenz von Tieren, sondern engagiert sich auch für die Erhaltung deren Lebensraumes. „Orang-Utans werden laut einem Bericht der Vereinten Nationen von 2007 in etwa zwei Jahrzehnten ausgestorben sein, wenn die Abholzung des Regenwaldes fortgesetzt wird“, ist die Forscherin besorgt. „Der Verlust von Lebensraum aufgrund der umfangreichen Palmölproduktion ist die größte Bedrohung.“

Und auch die Zahl der wild lebenden Goffin-Kakadus geht immer weiter zurück: „Diese Vögel sind kurz davor, auf die Liste der bedrohten Arten gesetzt zu werden, weil jährlich tausende Exemplare als Haustiere verkauft werden.“ Um die Artenvielfalt bewahren zu helfen, ist Laumer ehrenamtliches Mitglied des Jane-Goodall-Instituts. Dieses setzt sich für den Artenschutz ein, betreibt aber auch humanitäre Projekte.

ZUR PERSON

Isabelle Laumer (33) begann in Deutschland mit dem Biologie-Studium und wechselte an die Universität Wien, wo sie 2013 ihre Masterarbeit und 2018 ihre Doktorarbeit über Kakadus und Orang-Utans veröffentlichte. Seitdem hat sie mehrere Arbeiten an der Uni Wien publiziert. Laumer plant derzeit die Einreichung eines weiteren Projekts beim Wissenschaftsfonds FWF zu Menschenaffen.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2019)

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