Politik im Schatten von Cat Content

Süße Katzenbilder und witzige Memes machen uns auf Twitter und Co. aufmerksamer für politische Inhalte, fand der Kommunikationswissenschaftler Raffael Heiss heraus.

In Alpbach erhielt Raffael Heiss den Euregio Young Researchers’ Award (2. Platz) für seine Dissertation.
In Alpbach erhielt Raffael Heiss den Euregio Young Researchers’ Award (2. Platz) für seine Dissertation.
In Alpbach erhielt Raffael Heiss den Euregio Young Researchers’ Award (2. Platz) für seine Dissertation. – Daniel Novotny

„Das war ja nicht wandern, sondern spazieren gehen“, feixt Raffael Heiss. Der Kommentar des gebürtigen Tirolers gilt dem gemeinsamen Aufstieg der Teilnehmer des Forums Alpbach zur Bischoferalm. Ein fanatischer Gipfelstürmer sei er aber nicht, winkt Heiss ab. Trotzdem war die Sehnsucht nach den Alpen nicht ganz unschuldig daran, dass der Kommunikationswissenschaftler im vergangenen Jahr der Bundeshauptstadt den Rücken kehrte und seither am Management Center Innsbruck (MCI) werkt. In Alpbach erhielt der 32-Jährige einen Jungforscherpreis für seine Doktorarbeit an der Universität Wien. Dafür hatte er das Verhalten politischer Akteure in den sozialen Netzwerken erforscht. „Mich interessierte, welche Möglichkeiten Social Media bieten, Menschen in die Politik einzubinden.“ Sein Fazit: Möglichkeiten gäbe es viele, allerdings würden sie kaum genutzt.

 

Ungenütztes demokratisches Potenzial

„Wenn Politiker in den sozialen Netzwerken zum Beispiel dazu aufrufen, sich aktiv an politischen Prozessen zu beteiligen – durch den Hinweis auf Onlinediskussionen oder Petitionen –, dann stärkt das bei Jugendlichen den Glauben daran, dass sie gesellschaftlich etwas bewirken können.“ Doch die heimischen Politakteure verwenden lediglich zwei Prozent aller ihrer Postings dafür. Parallel dazu analysierte Heiss auch, welche konkreten Inhalte zu mehr Interaktion bei den Usern führen. Sprich welche Art von Beiträgen am meisten gelikt, geteilt und kommentiert wurden. Ausschlaggebend dafür waren positive Emotionen, Negativität und Humor. Aber – und das ist bemerkenswert – auch längere Beiträge mit elaborierten politischen Argumenten: „Diese werden doppelt so häufig kommentiert und zehnmal so häufig geteilt“, so Heiss. „Auf Social Media funktionieren also nicht nur Witz, Sex und Gewalt, sondern auch politische Inhalte.“

Rührende Katzenbilder oder mit Sprüchen versehene Bilder (Memes) lenken übrigens nicht unbedingt von den gewichtigen Dingen des Lebens ab. In einem Online-Experiment fand Heiss heraus, dass politische Inhalte, die in der eigenen Timeline – also der individuell kuratierten Abfolge von Postings – von humoristischen Beiträgen gerahmt werden, stärker verarbeitet werden. „Humoristische Posts steigern die Aufmerksamkeit, weil man sie verstehen will. Dadurch nimmt man auch im Anschluss nachfolgende politische Inhalte mehr wahr.“

Seinem Steckenpferd, der politischen Kommunikation, ist Heiss mittlerweile untreu geworden. Ein neuer Schwerpunkt ist die Gesundheitskommunikation. „Die Herausforderungen sind da wie dort dieselben“, erklärt er. „Es geht um Fehlinformation, um die Verlässlichkeit von Quellen und um die zunehmende Ungleichheit in der Informationsgewinnung in sozialen Netzwerken.“ Sowohl bei politischen als auch bei Gesundheitsthemen wächst durch die Digitalisierung die Informationskluft: „Weil sich in den sozialen Medien jeder seinen Newsfeed selbst zusammenstellt, werden Leute, die gut informiert sind, immer kompetenter in der Auswahl der Quellen, und Leute, die weniger gut informiert sind, werden von den qualitativ hochwertigen Inhalten regelrecht weggetrieben.“

Am MCI erforscht Heiss u. a., wie eine Gesellschaft mit diesem Debakel umgehen kann. Derzeit baut er hier gemeinsam mit einem interdisziplinären Team ein neues Forschungszentrum, das Center for Social & Health Innovation, auf. „Wir schauen uns Entwicklungen im Sozial- und Gesundheitswesen an und wollen diese mit Begleitforschung besser verstehen.“ Im kommenden Schuljahr begleitet er etwa das Programm „Gesunde Schule Tirol“ und untersucht, welche Effekte die Teilnahme daran auf die Kinder hat. Heiss ist übrigens ein Fan des finnischen Schulsystems: „Hier gibt es Gesundheit als Unterrichtsfach. Es wäre auch bei uns wichtig, Fakten über Ernährung oder Bewegung zu vermitteln.“ Ihm selbst mangelt es seit seiner Rückkehr nach Innsbruck jedenfalls nicht an Bewegung: „Ich kann direkt nach der Arbeit auf die Alm gehen. Die Weinberge in Wien sind zwar schön, aber ein Spaziergang dort ist mit einer Wanderung in den Bergen hier nicht vergleichbar.“

ZUR PERSON

Raffael Heiss (32) hat an den Unis Innsbruck und Wien sowie an der Fudan University (Shanghai) Politikwissenschaft und Kommunikationswissenschaft studiert. Er promovierte zum Thema politische Akteure und Social Media. Seit 2018 erforscht Heiss am Center for Social & Health Innovation des MCI neue Entwicklungen im Bereich des Sozial- und Gesundheitswesens.

Alle Beiträge unter: www.diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2019)

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