Sprachen lernen im Alter? Ja, bitte!

Helga Linhart verglich Fremdspracherwerb im fortgeschrittenen Alter und fand, dass die ältesten Teilnehmer (bis 67) die erfolgreichsten Sprachenlerner waren.

„Ich war jahrelang mein eigenes Versuchskaninchen“, sagt Helga Linhart: Ihre Dissertation an der Anglistik der Uni Wien (Betreuerin Christiane Dalton-Puffer) widmet sich dem Erwerb von Fremdsprachen im fortgeschrittenen Alter. Als Langstrecken-Kabinenchefin kam sie in viele Länder und lernte – selbst Jahrgang 1954 – begeistert die dortigen Sprachen: „Sprache ist Ausdruck der menschlichen Kultur und Spiegelbild unserer Denk- und Handlungsmuster.“ Ihr zweites berufliches Standbein, Fremdsprachentrainerin, erlaubte Linhart, die Komplexität der Lernprozesse genauer zu betrachten. „Wissenschaftlich hat die Spracherwerbsforschung zwar enorme Fortschritte gemacht, aber dabei wurde der Sprachenlerner im fortgeschrittenen Alter bzw. der berufstätige Lerner völlig außer Acht gelassen.“ Diese Lücke versuchte sie zu füllen, indem sie 30 Probanden eine Sprache erlernen ließ, die „keine Parallelen zu unserer Sprachfamilie hat“: Mandarin (chinesische Hochsprache). Eingeteilt in drei Altersgruppen (20 bis 32, 33 bis 45 und 46 bis 67) sollte der erwachsene Fremdsprachenlerner erstmals als eigenständiges Forschungsobjekt definiert werden.

„Überraschend war, dass die höchste Drop-out-Rate in der jüngsten Gruppe zu verzeichnen war.“ Die ältesten Teilnehmer schafften es fast alle bis zur Abschlussprüfung. „Das bedeutet, dass diese Gruppe die größte Willenskraft hatte“, betont Linhart. Basierend auf ihrem altersspezifischen Forschungsansatz und den Ergebnissen erstellte sie ein neues erkenntnistheoretisches Modell: „Willpower – Brainpower – Instrumental Power“. Neben der höchsten „Willpower“ verfügte die älteste Gruppe auch über eine hohe „Brainpower“: „Die Merkfähigkeit lag gleich hoch wie bei den jüngsten Lernern. Nur die mittlere Altersgruppe war noch besser.“

Am spannendsten war zu beobachten, wie effizient die ältesten Teilnehmer ihre „Instrumental Power“ einsetzten: Linhart erklärt, dass Lebenserfahrung und akkumuliertes Wissen im Sprachlernprozess eine tragende Rolle spielen. „Mit den richtigen Methoden, einem ausgewogenen Verhältnis von Input und Output, das unsere Gehirne nicht überfrachtet, können wir auch im fortgeschrittenen Alter erfolgreich Sprache lernen.“ In unserer immer älter werdenden Gesellschaft ist das ein wichtiges Ergebnis, für das sich auch die Bildungspolitik interessieren sollte. >

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2010)

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