Isaac Newtons Farbenlehre

Isaac Newtons Farbenlehre hat gegenüber der Erklärung Goethes den Sieg davongetragen. Obwohl auch der Ansatz des Dichters in sich völlig stimmig war.

Für uns ist die Sache heute klar: Weißes Licht besteht aus der Mischung von allen Spektralfarben. Genauso, wie es Isaac Newton im Jahr 1666 feststellte: Er hatte Sonnenlicht mithilfe von Prismen in seine Einzelteile zerlegt und – umgekehrt – nachgewiesen, dass die Mischung aller Wellenlängen im Regenbogenspektrum wieder weiß ergibt.

Den Zeitgenossen war das allerdings weniger klar: Immer wieder hagelte es Kritik an der Vorgehensweise Newtons, an seinen Ergebnissen, vor allem aber an seiner „quantitativen Methode“, auf der Newtons letztendlicher Erfolg (in Optik, Mechanik und Mathematik) beruht. Einer der prominentesten Kritiker war Johann Wolfgang von Goethe. „Freunde flieht die dunkle Kammer/Wo man euch das Licht verzwickt“, schrieb der Meisterdichter nach 1815 in seinen „Zahmen Xenien“ – in Anspielung auf die Methode Newtons, der seine Experimente in einem abgedunkelten Raum durchführte, die Sonne durch einen feinen Spalt lenkend.

Goethe lehnte diese Vorgangsweise – das „Zerlegen“ der Natur im stillen Kämmerlein – ab. Für ihn war die Betrachtung der Natur als Einheit wichtig. Licht war für ihn das „einfache, unzerlegteste, homogenste Wesen“, das „nicht zusammengesetzt“ ist. Das war kein rein philosophisches Gedankenkonstrukt, Goethe hat seine Ansicht empirisch durch Beobachtung abgesichert, auch mithilfe von Prismen. Sein Ergebnis: Wenn Sonnenlicht (in einem tageshellen Zimmer) durch ein Prisma fällt, dann entsteht eine Farbskala, deren äußerste Grenzen die Farben Blau und Gelb sind, in der Mitte ist eine große weiße Fläche. Die Ränder entstehen für Goethe im Prisma durch ein Übereinanderschieben von Hell und Dunkel. Gelb ist dem Hellen am nächsten, Blau dem Dunklen.

In sich war diese Erklärung völlig stimmig, konzedieren ihm heute viele Wissenschaftshistoriker – Goethe brachte auch alle Voraussetzungen für naturwissenschaftliche Forschung mit, er war im besten Wortsinne ein „Dilettant“, ein „Liebhaber der Natur“, und stand im Kontakt mit den besten Forschern seiner Zeit. Goethes Versuchsanordnung hatte freilich ein Problem: Ohne schmalen Lichtspalt konnte er die vielen Spektralfarben gar nicht sehen. Vielleicht hätte er seine Theorie dann anders formuliert. Wer weiß.

Völlig gescheitert ist der Dichter mit seiner qualitativen Weltsicht aber nicht. So schrieb etwa der Physiker Werner Heisenberg der Theorie Goethes ihr Existenzrecht zu. Dass sich trotzdem Newtons Lehre durchgesetzt habe, liege vor allem daran, dass „zur Weiterbildung der Goethe'schen Farbenlehre eine sehr hohe künstlerische und wissenschaftliche Begabung nötig gewesen wäre“.

martin.kugler@diepresse.com 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2009)

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