Worte gegen Bomben

800 Archäologen tauschten in Wien ihre Neuigkeiten über den Nahen Osten aus und beschlossen eine "Wiener Deklaration" zum Erhalt des Erbes.

Seit genau 50 Jahren sind österreichische Archäologen im nordostägyptischen Tell el-Dab'a aktiv: In 80 Grabungskampagnen wurde die Hauptstadt der Hyksos-Dynastie, Avaris, freigelegt. Diese vor 3600 Jahren größte Stadt im Mittelmeerraum war von Einwanderern aus Asien zur Blüte geführt worden – ihre asiatisch-ägyptische Mischkultur dominierte mehr als 100 Jahre lang das stolze Pharaonenreich. Von 1966 an war Manfred Bietak an den Forschungen beteiligt. Für den offiziellen Kick-off seines neuen ERC-Projekts, „The Hyksos Enigma“, nutzte er nun die Gelegenheit, dass 800 hochkarätige Archäologen diese Woche zum weltgrößten Kongress für Archäologie des Nahen Ostens (ICAAN) zu Gast an der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) waren.

Bietaks Hyksos-Forschungen zeigen u. a., wie eng die Welt schon damals verknüpft war – in einer Region, die als Wiege der Zivilisation gilt: Im Nahen Osten entwickelten sich die sesshafte Lebensweise und der Ackerbau, dort entstanden die frühesten Hochkulturen. An deren Erforschung sind viele österreichische Wissenschaftler beteiligt: So untersucht Barbara Horejs, Direktorin des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie (OREA) der ÖAW und Organisatorin der ICAAN-Konferenz, den Prozess des Sesshaftwerdens.

Diese Kulturregion ist in akuter Gefahr: Durch Kampfhandlungen (v. a. des sogenannten Islamischen Staats), Sprengungen, Raubgrabungen, Plünderungen und den illegalen Handel von Kunstwerken sind bereits viele Kunstschätze verloren. Hochrangige Gäste aus der Region berichteten bei der ICAAN vom Ausmaß der Zerstörungen – aber auch von Aktivitäten, um zu retten, was noch zu retten ist. Zur Unterstützung wurde diese Woche die „Wiener Deklaration“ beschlossen, in der zu mehr Kooperation beim Erhalt des Kulturerbes aufgerufen wird.

Die Zerstörung der Kunstschätze komme auch einer Zerstörung der kulturellen Diversität und der regionalen Identitäten gleich, betonte Horejs. „Kultur ist nicht das Letzte, was angesichts drängenderer Sorgen vernachlässigbar ist, sondern ihre Zerstörung trifft die lokale Bevölkerung und die Weltgemeinschaft direkt ins Herz“, formulierte Margarete van Ess, Leiterin der Orientabteilung des Deutschen Archäologischen Instituts.

Kurzfristig kann man mit Worten natürlich nur wenig gegen Bomben ausrichten. Doch, wie es der Unesco-Experte Giovanni Boccardi ausdrückte: „Kultur ist auch Teil der Lösung.“


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.05.2016)

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