Die Orgel als weltliches Instrument

Die Orgel ist heute untrennbar mit der Kirche verbunden. Das war nicht immer so: Nach ihrer Erfindung in der Antike war sie mehr als 1000 Jahre lang ein völlig weltliches Instrument.

Die ungewöhnlich lange und extreme Hitzewelle, die nun hoffentlich zu Ende ist, hatte einen interessanten Nebeneffekt: Niemals zuvor waren Kirchen so voll wie in den vergangenen zwei Wochen – und werden es wohl bis Weihnachten nicht mehr sein: Menschen flüchteten massenhaft in die kühlen Gemäuer, viele haben sich auf einer Kirchenbank niedergelassen und vielleicht über das Leben und seine Mühsal sinniert, und manche haben wahrscheinlich auch den Klängen einer Orgel gelauscht.

Orgel und Kirche: Das gehört in unseren Augen und Ohren untrennbar zusammen: Bei Katholiken und Evangelischen hat die Orgel große liturgische und kulturhistorische Bedeutung. Wenn hin und wieder eine Orgel in einem Konzertsaal erschallt, erscheint das vielen als irgendwie unpassend.

Doch das war einmal völlig anders: In der Zeit, als die Orgel erfunden wurde, handelte es sich um ein rein weltliches Instrument, das bei Sportveranstaltungen, im Theater oder bei Kämpfen in der Arena erklang. Das erste Exemplar baute, soweit man weiß, der Ingenieur Ktesibios um 246 v. Chr. in Alexandrien. Das Prinzip ist bis heute unverändert: Es wird ein gleichmäßiger Luftstrom (damals per Hydraulik, heute mit Blasbälgen) erzeugt, der durch schließbare Pfeifen geleitet wird.

Nach der Erfindung im antiken Griechenland wurde die Orgel bei römischen und später byzantinischen Kaisern zunehmend zu einem Teil des Hofzeremoniells. Den frühen Christen war ihr Klang daher wohl verhasst. Aus Beschreibungen und einzelnen archäologischen Funden weiß man, wie antike Orgeln funktioniert haben. Und nun kann man auch wieder erleben, wie sie geklungen haben: Zurzeit ist ein rekonstruiertes Exemplar bei der Ausstellung „Byzanz und der Westen“ auf der Schallaburg zu bestaunen – eine Doppelorgel mit zwei Registern und zwei Oktaven Tonumfang.

Man erfährt dort auch etwas über den Weg des Instruments nach Westen und in die Kirche. Demnach schenkten die byzantinischen Kaiser den karolingischen Herrschern wiederholt Orgeln, die als Statussymbole sehr begehrt waren. Die ersten Nachbauten in Europa dienten der Angleichung des eigenen Prestiges an den Osten, heißt es in der Schau. Danach strebten auch kirchliche Würdenträger – und so wurden erste Orgeln auch in den „Palästen“ des Klerus, in den Kirchen installiert.

Es sollte bis ins 14. Jahrhundert hinein dauern, bis sich der Orgelklang in der Kirche endgültig etabliert hatte – und dann mit ihm verschmolz.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

meinung@diepresse.com

www.diepresse.com/wortderwoche

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2018)

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