Zeitlose Strategie

Der Aufstieg des Christentums zur Weltreligion ist laut einem deutschen Historiker einem überlegenen Marketing geschuldet. Eine bemerkenswerte Hypothese.

Die Frage ist ziemlich alt: Wie konnte es einer verfolgten Splittergruppe aus Palästina gelingen, zu einer Weltreligion zu werden? Die theologische Antwort, dass der Aufstieg des Christentums göttlichem Wirken zuzuschreiben sei, lassen wir hier einmal beiseite. Der Stuttgarter Historiker Holger Sonnabend ist überzeugt, nun eine Lösung für das alte Rätsel gefunden zu haben: „Eine noch so gute und attraktive Botschaft allein reicht nicht aus“, schreibt er in seinem neuen Buch, „Triumph einer Untergrundsekte“ (223 Seiten, Herder, 22,70 Euro). „Die Christen siegten, weil sie die Vorteile, die das große Römische Reich bot, für sich zu nutzen verstanden.“

Konkret: Vor dem Hintergrund einer globalisierten Welt, die den Transfer von Ideen begünstigte, hatten die Christen – anders als konkurrierende Religionsgruppen wie etwa der Mithras- oder der Isis-Kult – perfekte Strategien der Vermarktung. Einerseits warben sie konsequent für ihre Sache, andererseits hüllten sie ihre Lehre in ein Gewand, das für breite Schichten verständlich und interessant war.

Die Belege Sonnabends für diese These sind recht überzeugend. Überdies kann er die maßgeblichen Akteure nennen – vom großen Regisseur Paulus, der die Entscheidung traf, das Christentum in der ganzen Welt, auch außerhalb des Judentums, zu verbreiten, und dafür auf die griechische Sprache setzte, über wortgewaltige Publizisten wie Tertullian oder Augustinus bis hin zu tatkräftigen Helfern in den immer zahlreicher werdenden Gemeinden (die durch die Verfolgung zusammengeschweißt waren). „Keine andere Religionsgemeinschaft konnte in puncto Organisation und Management mit den Christen mithalten“, so der Historiker.

In fast 300-jähriger Aufbauarbeit hätten sie aus eigener Kraft ein starkes Netzwerk von Syrien bis Spanien und Nordafrika bis Britannien errichtet, das schließlich auch für die – schwachen – Kaiser interessant wurde. „Konstantin war kein Christ, sondern ein kühl kalkulierender, pragmatisch denkender Machtpolitiker, der das Christentum dazu benutzte, seine eigenen politischen Ziele durchzusetzen“, so Sonnabend.

Gewiss ist der Zugang, den der Historiker wählt, einseitig. Er streift viele wichtige Aspekte nur am Rande – etwa theologische Argumente, soziale Prozesse oder ökonomische Entwicklungen. Der enge Fokus ermöglicht aber einen unverstellten Blick auf eine bisher eher unterbelichtete Seite der Geschichte.


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2018)

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