Wort der Woche: Sozialer Fortschritt

300 Sozialforscher aus aller Welt haben ein Manifest für sozialen Fortschritt erarbeitet. Der Sukkus stimmt optimistisch: „Wir können das besser machen“, betonen sie.

Unbestreitbar gab es in den vergangenen Jahrzehnten auf der Welt viele soziale Fortschritte. Doch zurzeit erleben wir eine Reihe von Rückschlägen, die das Erreichte gefährden. So ist etwa die organisierende Kraft der Märkte in der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise in Verruf gekommen, der Wohlfahrtsstaat verliert an Kraft, bürgerliche Freiheiten geraten zunehmend unter Druck, soziale Unterschiede werden in manchen Bereichen wieder größer, und die Übernutzung von Ressourcen wird immer dramatischer.

Um Wege aus dieser Krise zu finden, haben sich rund 300 Sozialforscher aus aller Welt – unter ihnen auch eine Handvoll aus Österreich – im International Panel on Social Progress (IPSP) zusammengetan und nach vierjähriger Arbeit kürzlich ein dreibändiges „Manifest für sozialen Fortschritt“ („Rethinking Society for the 21st Century“) veröffentlicht. Auf rund 3000 Seiten werden darin alle Teilbereiche unserer Gesellschaften – von Politik bis Wirtschaft, von Bildung bis Gesundheit – detailreich untersucht. Zentrale Ergebnisse werden morgen, Montag, an der Uni Wien (Kleiner Festsaal, 16.30 Uhr) von der Bildungspsychologin Christiane Spiel, der Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt und dem Demografen Wolfgang Lutz vorgestellt und diskutiert; eine 70-seitige Zusammenfassung kann von www.ipsp.org heruntergeladen werden.

Definitive Antworten können die Wissenschaftler freilich keine geben – dies auch deshalb, weil es singulären Antworten, die alle Probleme lösen, gar nicht geben kann, wie die Autoren mehrfach schreiben. Der Bericht ist dennoch wertvoll: Zum einen liefert er glasklare Analysen des Status quo und der Wege, wie es dazu kam. Zum anderen zeigen die Ausführungen deutlich, dass es viele andere Möglichkeiten gibt, um das Zusammenleben der Menschen zu organisieren. „Wir können das besser machen, das ist nicht das Ende der Geschichte“, wird betont. Einige der neuen Ideen könnten vielleicht wirklich soziale Fortschritte bringen – was es wert wäre, sie auszuprobieren, so die Autoren.

Die Sozialforscher nehmen sich dabei auch an der eigenen Nase. Selbstkritisch stellen sie fest, dass ihr Tun bisher nicht wirklich zielführend war: Viel zu häufig trete die Wissenschaft technokratisch auf, viel zu selten gebe es einen echten Dialog mit den Menschen. „Jeder von uns muss Verantwortung für die Zukunft übernehmen“, heißt es denn auch folgerichtig am Ende des Manifests.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2019)

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