Energiewende

Für eine gelingende Energiewende sollte man nicht zu sehr auf Verhaltensänderungen von Menschen vertrauen: Das zeigte sich bei einem Großversuch in der Wiener „Seestadt Aspern“.

Vor gut fünf Jahren wurde im Wiener Stadterweiterungsgebiet „Seestadt Aspern“ das große Forschungsprojekt „Aspern Smart City Research“ (ASCR) gestartet. Siemens, Wien Energie, Wiener Netze und Partner investierten 38,5 Mio. Euro, um neue Energietechnologien zu testen und weiterzuentwickeln. Die Versuchsobjekte sind dabei ein Wohngebäude, ein Bildungscampus und ein Studentenheim.

Nach Abschluss der erste Projektphase wurde diese Woche Zwischenbilanz gezogen: Während sich Konzepte wie etwa stromproduzierende Gebäude, virtuelle Kraftwerke, Speicher oder aktive Netze („Smart Grids“) bewährten und hohe Energie- und CO2-Einsparungen ermöglichten, brachte die begleitende Sozialforschung eine Überraschung: Ursprünglich dachte man, dass es „aktiver Nutzer“ bedürfe, um die Vorteile smarter Gebäude lukrieren zu können. Bei einer Umfrage zu Projektbeginn war man auch hoffnungsvoll: Fast die Hälfte der Bewohner des Wohnhauses, die bei dem Projekt mitmachten, gab an, technisch versiert und am Thema Energie interessiert zu sein („Professionals“), knapp ein Drittel hatte ein hohes Interesse, Energie einzusparen („OptimiererInnen“); nur vergleichsweise wenige zeigten kaum („Indifferente“) oder gar kein Interesse („Hedonisten“).

Den Bewohnern wurden Möglichkeiten angeboten, ihren Energieverbrauch zu steuern – etwa ein Home-Automation-System samt mobiler App, ein „Eco-Schalter“ (mit dem Geräte, die auf Standby laufen, mit einem Knopfdruck ganz abgeschaltet werden), ein Energieverbrauchsvergleich mit anderen Haushalten oder ein zeitvariabler Tarif (mit billigeren Strompreisen in Zeiten mit hohem Stromangebot). Es zeigte sich aber, dass nur ein Fünftel der Bewohner diese Angebote wirklich nutzte („heavy user“), dass es dadurch kaum zu Energieeinsparungen kam und dass Lastverschiebungen aus Stunden mit Strommangel zu Zeiten mit Überschüssen nur in geringem Ausmaß möglich waren.

Der Schluss der Forscher: Anstatt allzu sehr auf das aktive Mitwirken der Benutzter zu setzen, legen sie den Schwerpunkt in der zweiten ASCR-Phase (Budget: 45 Mio. Euro) auf die Systemebene: Mit intelligenten „Building-Energy-Management-Systemen“ seien auf einfacherem Wege größere Einsparungen erzielbar. Allerdings betonten die Projektbetreiber zugleich, dass der Mensch weiter im Zentrum bleibe: Das Wesentliche bei der „Energiewende“ sei es, die Menschen mitzunehmen – und ihnen mentale und monetäre Anreize zu bieten.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2019)

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