Europas Olivenbäume

Europas Olivenbäume sind weiterhin ziemlich schutzlos dem Angriff durch Xylella-Bakterien ausgeliefert – und die Bedrohung dürfte noch viel größer sein als bisher vermutet.

Im Jahr 2013 bemerkten Bauern in Apulien zu ihrem Entsetzen, dass Olivenbäume plötzlich das Laub hängen ließen und abstarben. Ähnlich erging es wenig später Produzenten in Korsika, Südfrankreich, Mallorca oder Portugal. Bald wurde klar, dass es sich um eine Krankheit handelt, die von einem bis dahin in Europa unbekannten Erreger ausgelöst wird: dem Bakterium Xylella fastidiosa, das in Amerika seit Langem Weinstöcke, Zitrus- oder Pfirsichbäume befällt. Die Bakterien leben in den Saftbahnen (Xylem) im Stamm der Pflanzen und werden durch Insekten übertragen, die sich von den Säften im Holz ernähren.

Die Pflanzenkrankheit ist hoch ansteckend, weswegen die EU umgehend strenge Vorschriften erlassen hat: Befallene Bäume müssen sofort gefällt werden – dem sind allein in Süditalien einige Millionen Ölbäume zum Opfer gefallen. Um Krankheitsherde herum werden Schutzzonen eingerichtet, in denen alle möglichen Wirtspflanzen und trockenes Gras entfernt werden, überdies müssen die Überträgerinsekten bekämpft werden (am erfolgreichsten mit den verpönten Neonicotinoiden).

Nach sechs Jahren Erfahrung bei der Bekämpfung und viel Begleitforschung hat die Europäische Agentur für Ernährungssicherheit Efsa nun eine Neubewertung des Xylella-Risikos vorgenommen – und kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Es sei nach wie vor kein Weg bekannt, das Bakterium aus einer erkrankten Pflanze zu eliminieren, so die Experten. Die Bewertung möglicher chemischer und biologischer Behandlungsmaßnahmen zeigte, dass allenfalls die Schwere der Erkrankung „vorübergehend vermindert“ werden kann.

Und es könnte noch viel schlimmer kommen: Die Forscher fanden heraus, dass viel mehr Pflanzenarten als bisher gedacht (nämlich 563) anfällig für Xylella-Infektionen sind – so auch Mandeln, Oleander, Lavendel, Sonnenblumen, Kirschen oder Zwetschken. Überdies würden es die klimatischen Bedingungen in Europa zulassen, dass sich manche Xylella-Unterarten sogar bis nach Nordeuropa ausbreiten. Das wäre für den europäischen Obst-, Wein- und Gartenbau eine Katastrophe.

Doch es gibt auch Hoffnung: Dank neuer spektroskopischer und DNA-Verfahren wird es bald möglich sein, einen Befall frühzeitig zu erkennen – zwischen Infektion und Krankheitsausbruch liegen nämlich einige symptomfreie Monate, in denen die Bäume bereits infektiös sind. Das bringt zwar keine Heilung, man könnte aber die Ausbreitung deutlich wirksamer verhindern als derzeit.


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2019)

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