An der Quelle

Dass wir unserreiches Kultur- und Naturerbemanchmal nicht genug zu schätzen wissen, zeigt das Beispiel Baden, das sich derzeit um eine Anerkennung durch die Unesco bemüht.

Das Verhältnis zwischen Österreich und der Unesco-Welterbe-Initiative ist nicht friktionsfrei. Von Anfang an war Österreich zögerlich bei der Nominierung von für die Menschheit bedeutsamen Kulturstätten oder Naturbesonderheiten. So tragen derzeit nur zehn Stätten in Österreich das international begehrte Unesco-Siegel. Einer davon, dem historischen Zentrum von Wien, droht wegen des Heumarkt-Projekts gar die Aberkennung. In jüngster Zeit kamen zwei neue Welterbestätten dazu (Pfahlbauten und Buchenwälder), doch bei anderen hakt es: Die Anerkennung der Großglockner-Hochalpenstraße wurde verschoben, und diese Woche ging auch beim Donaulimes alles schief (weil Ungarn einseitig Änderungen im Vorschlag vornahm).

Doch weitere Kandidaten stehen in den Startlöchern. Darunter befinden sich die „Great Spas of Europe“, ein Bündnis von elf historischen Kurorten in Tschechien, Deutschland, England, Belgien, Frankreich, Italien und Österreich – nämlich Baden bei Wien. All diese Orte sehen sich als einzigartige Ensembles von Bade-Infrastruktur, Villen und Parkanlagen, sie waren einst echte gesellschaftliche Hotspots und spielten auch bei der Entwicklung des globalen Tourismus eine zentrale Rolle.

Es ist erstaunlich, wie wenig die Allgemeinheit von all dem weiß (zumindest außerhalb von Baden). Gewiss: Dass schon die alten Römer in „Aquae“ ihren Rheumatismus kurieren wollten und dass Ludwig van Beethoven in Baden Linderung erhoffte, ist bekannt. Aber das war's dann schon. Weitgehend unbekannt ist etwa, dass es in Baden insgesamt 14 historische Quellen und (je nach Zählung) rund 20 Badehäuser gab, dass auch im Bett der Schwechat einige Thermalquellen entspringen oder dass unter neuen Gebäuden noch so manche historische Quellbecken erhalten sind. Solche Dinge erfährt man nun aus Anlass der Unesco-Nominierung der Kurorte – und zwar in einer sehenswerten Ausstellung im Kaiserhaus Baden sowie im neuen Buch „An der Quelle sitzen. . .“ (Susanna Reichert-Freude, 160 S., Kral Verlag, 24,90 €).

Und man erfährt dabei etwas noch Erstaunlicheres – nämlich dass die Badener Schwefelquellen derzeit nur zu einem Bruchteil genutzt werden. Konkret: Nur ein Drittel des mit 22 bis 36 Grad heraussprudelnden Wassers wird verwertet, der Rest fließt ungenutzt in den Bäderkanal, in den Mühlbach oder direkt in die Schwechat. Es braucht offenbar eine Anerkennung à la Unesco, damit uns solche Schätze wieder bewusst werden.


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2019)

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