Zukunft ehemaliger Industrieregionen

Welche Zukunft hat eine ehemalige Industrieregion, die immer mehr an Eigenständigkeit verliert? Ein Regionalforscher gibt bei der NÖ Landesausstellung in Wr. Neustadt Antworten.

Über Jahrhunderte war die Region um Wiener Neustadt eine Grenzgegend (zu Ungarn und zur Steiermark): Das südliche Wiener Becken und die benachbarten Teile der Alpen waren wegen dieser peripheren Lage nur dünn besiedelt, die Orte klein. Ab dem 18. Jahrhundert ermöglichte die Eisenbahn indes das Entstehen einer florierenden Industrielandschaft („Industrieviertel“) – die allerdings in jüngster Zeit durch Globalisierung und Entwicklung hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft wieder stark entwertet wurde. Zurück zum Start quasi.

Stellt sich die Frage, wie es einer solchen Regionen in Zukunft ergehen wird. Dazu wurde im Vorfeld der heurigen NÖ Landesausstellung „Welt in Bewegung“ in Wiener Neustadt eine Studie beim Doyen der Alpenforschung, Werner Bätzing, beauftragt. Eine Zusammenfassung ist nun in dem – sehr empfehlenswerten – Katalog abgedruckt. Demnach zerfällt die Region um Wr. Neustadt in zwei Teile mit völlig konträren Schwierigkeiten: Auf der einen Seite kämpft das gut erreichbare und wirtschaftlich dynamische Wiener Becken mit Problemen der Verstädterung und Zersiedlung – die Region gerät überdies immer mehr in den Einflussbereich von Wien, sodass „der Zeitpunkt nicht mehr fern ist, ein Randbereich der Großstadtregion zu werden“, so Bätzing. Auf der anderen Seite verlieren die schlecht erreichbaren Alpengebiete seit Jahrzehnten stark an Einwohnern: Von den 80 Gemeinden der Region sind 67 Auspendler- und nur sechs Einpendlergemeinden; diese Entsiedlung geht Hand in Hand mit Stagnation und Verwaldung.

Die jüngste Aufwertung Wiener Neustadts durch die Regionalpolitik zu einem Innovationsknoten – v. a. durch die Gründung eines „Technopols“ mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen – bremse diese Entwicklung zwar, reiche aber nicht aus, lautet der Befund des Regionalforschers. Wirkliche Hilfe könne nur aus der Region selbst kommen – und zwar durch eine verstärkte interne Zusammenarbeit: Die Stadt Wiener Neustadt müsse Verantwortung für „ihre“ Peripherien übernehmen, und die peripheren Gebiete müssten sich untereinander eng vernetzen und dabei Wr. Neustadt und nicht Wien als ihr Zentrum ansehen. „Nur Stadt und Land gemeinsam können der Region diejenige Stärke geben, die sie braucht, um langfristig eine eigenständige Region ohne Entsiedlung zu bleiben“, so Bätzing.

Ein Botschaft, die weit über Wiener Neustadt hinaus Gehör finden sollte.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2019)

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