Jahrhundertknochen

Auf dem St. Pöltner Domplatz geht heuer eine der spannendsten archäologischen Grabungen zu Ende: In zehn Jahren wurden 22.000 Skelettegefunden – eine Fundgrube für die Forschung.

Seit dieser Woche sind es mehr als 22.000: So viele Skelette aus dem 9. bis 18. Jahrhundert wurden mittlerweile auf dem Domplatz in St. Pölten ausgegraben. Damit handelt es sich um den weltweit größten jemals ergrabenen Friedhof. Und zwar mit Abstand.

Das 5000 Quadratmeter große Areal – derzeit Park- und Marktplatz – war 1000 Jahre lang Stadtfriedhof. Als er 1779 aufgelassen wurde, lagen die Bestatteten in zehn bis 15 Schichten übereinander. Das Besondere dabei: Die lange Nutzung hatte den Friedhof zu einem regelrechten Hügel anwachsen lassen. Bei der Neugestaltung der Fläche im 19. Jahrhundert wurden die obersten Schichten abgegraben, daher liegen die Gräber heute direkt unter der dünnen Asphaltdecke – inmitten römischer und mittelalterlicher Mauern. Entsprechend instabil ist der Untergrund und holprig der Asphalt.

Nach dem Beschluss, den Platz neu zu gestalten, musste man sich um dieses historische Erbe kümmern: Seit 2010 untersuchen rund 20 Archäologen den Boden systematisch bis in ein Meter Tiefe – so weit soll der Unterbau für den künftigen Platz reichen. Heuer sind die letzten Abschnitte dran, Anfang November will man fertig sein.

Für die Wissenschaft ist die Grabung – die von einer Oppositionspartei kürzlich als „Millionengraberei“ verunglimpft wurde – ein Jackpot: Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es einen so reichhaltigen Fundus, um mehr über das Leben unserer Ahnen zu erfahren – über deren Gesundheit, Ernährung, Bekleidung, Mobilität, Frömmigkeit etc. Aufgeklärt werden konnte z. B. bereits, dass es Syphilis schon im Mittelalter gab (Kolumbus brachte „nur“ einen weiteren, noch aggressiveren Stamm mit nach Europa) oder dass die mittelalterlichen Ärzte viel besser waren als ihr Ruf (etwa bei der Versorgung von Verletzungen); manches davon wird auch in der laufenden Sonderausstellung „Verstorben, begraben und vergessen?“ im Stadtmuseum St. Pölten gezeigt. Die Auswertung der Funde hat indes erst begonnen – da ist noch viel zu erwarten.

Bei aller wissenschaftlichen Begeisterung darf freilich nicht vergessen werden, dass es sich um die Überreste von Menschen handelt, die eine würdevolle Behandlung verdienen. Nach dem Ausgraben und der wissenschaftlichen Bearbeitung kommen daher die Knochen jedes der namenlosen Individuen separat und mit einem QR-Code versehen in Gewebesäcke, die derzeit in Regalen im Keller des heutigen Friedhofs lagern. Die Idee ist, sie wieder der Erde zu übergeben.


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2019)

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