Wiege der Zivilisation

Ein neues Buch rückt Alteuropa als eine der Wiegen der Zivilisation ins Rampenlicht. Das ist ein spannendes Gedankengebäude – bewiesen ist aber noch lange nichts.

Die Erfindung der Landwirtschaft und ihre Ausbreitung („Neolithisierung“) zählt zu den spannendsten Kapiteln der Geschichtswissenschaften. Vor rund 10.000 Jahren wurden manche Menschen sesshaft, sie begannen Pflanzen anzubauen und Nutztiere zu züchten. Das war ein Einschnitt in die Menschheitsgeschichte, der Startschuss für „Zivilisation“ und „Hochkultur“. Begonnen hat die Entwicklung im Nahen Osten, dann gelangten die Neuerungen nach Europa. Und glaubt man dem deutschen Sprachforscher Harald Haarmann, dann entwickelte sich ausgerechnet hier, in „Alteuropa“ eine der ersten Hochkulturen der Welt. Unter „Alteuropa“ oder „Donauzivilisation“ fasst der Forscher – so wie schon vor ihm die große, aber nicht unumstrittene Archäologin Marija Gimbutas – verschiedene osteuropäische Kulturen zusammen, etwa jene von Karanovo, Vinča, Tisza oder Lengyel. Letztere umfasste auch große Teile (Ost-)Österreichs.

Wie Haarmann in seinem neuen Buch „Das Rätsel der Donauzivilisation“ (C. H. Beck) ausführt, gab es in Südosteuropa die damals größten Städte, große Einfamilienhäuser oder die ersten zweigeschoßigen Reihenhäuser der Welt. Und lange bevor Mesopotamien damit punkten konnte, habe es in Alteuropa bereits Brennöfen, zylindrische Rollsiegel oder ein Schriftsystem gegeben. Viele Errungenschaften hätten die Zeiten überdauert, so sei etwa das später klassische griechische Versmaß, der Hexameter, alteuropäischen Ursprungs.

Die Indizienkette, die Haarmann knüpft, ist relativ dicht, sein Gedankengebäude ist in sich stimmig. Dennoch wird es von den Fachkollegen nicht anerkannt bzw. ignoriert. Zwei Punkte sind dabei besonders kritisch: Haarmann geht davon aus, dass die Einwanderung der Ackerbauern über eine Landverbindung zwischen der Türkei und Europa erfolgte – erst später brach das Mittelmeer in das Schwarze Meer ein, der Bosporus bildete sich. Erst die Tatsache, dass die Menschen nun abgeschnitten waren (und starken Klimaänderungen unterworfen wurden), war der Auslöser für eine rasante Entwicklung, die jene der Urheimat in Anatolien überflügelte. Bloß: Diese Sintflutthese wackelt derzeit gewaltig, immer mehr Wissenschaftler halten sie (zumindest zu diesem Zeitpunkt) für falsch.

Das zweite Problem ist die angebliche Schrift der Alteuropäer: Die meisten Forscher halten die in Keramik oder Stein geritzten Zeichen bestenfalls für eine Vorläuferschrift, keinesfalls aber für eine ausgefeilte Schrift in unserem Sinn. Damit fiele die These, dass die Alteuropäer Mitschöpfer der abendländischen Kultur seien, in sich zusammen.

Die Debatte ist eröffnet.

martin.kugler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2011)

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