Wie lässt sich nachvollziehen, wie alt ein Bluterguss ist?

Ein blauer Fleck kann viele Farben annehmen. Für Gerichtsmediziner ist Wissen dazu entscheidend, wenn sie helfen, Verbrechen aufzuklären.

Kurz nicht aufgepasst, und plötzlich war der Türstock im Weg. Oder die Tischkante. Und schon bildet sich ein blauer Fleck, wie es im Volksmund heißt. „Blutergüsse sind Weichteilverletzungen und entstehen durch stumpfe Gewalt, etwa durch einen Sturz oder Schlag“, sagt Kathrin Ogris vom Institut für Gerichtliche Medizin in Graz. Dabei tritt Blut in umliegendes Gewebe – meist das Unterhautfettgewebe – ein, ohne die darüberliegende Haut zu verletzten. Denn um überhaupt sichtbar zu sein, muss sich das Blut nahe an der Oberfläche sammeln. Tief gelegene Hämatome werden mitunter gar nicht entdeckt oder blühen erst einige Zeit später auf.

Beim Blutabbau passiert im Körper ein biochemischer Prozess: Das für den roten Farbstoff in den roten Blutkörperchen zuständige Hämoglobin verändert sich, bis es schließlich ganz verschwindet. Bis dahin nehmen die Flecken aber verschiedene Farben an: Grünlich sind sie etwa nach vier bis fünf Tagen, gelblich nach circa acht Tagen. Daneben gibt es viele Schattierungen in Blau- und Brauntönen.

Auf Tatzeitpunkt rückschließen

Wie sich der Farbverlauf entwickelt und wie schnell die Flecken wieder verschwinden, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch: Die Blutgefäße Älterer zerreißen leichter und besitzen außerdem weniger schützendes Fettgewebe als bei Jüngeren.

Durch das schwächere Bindegewebe bekommen Frauen leichter Blutergüsse als Männer. Aber auch bei ein und demselben Menschen können sich Verletzungen unterschiedlich entwickeln, etwa andere Farben haben, obwohl sie gleich alt sind.

Zu verstehen, wie sich Hämatome entwickeln, ist in der Gerichtsmedizin wichtig, weil sich so auf einen Tatzeitpunkt, etwa einer Kindesmisshandlung oder eines anderen Verbrechens, rückschließen lässt. „Wir müssen ja immer in die Vergangenheit blicken, um zu verstehen, wie eine Verletzung entstanden ist“, so Ogris. Dabei können auch klinisch nicht relevante Befunde wie eben blaue Flecke, die meist auch keiner Therapie bedürfen, entscheidend sein. Als „Goldstandard“ gelte dabei noch immer, die Verletzungen äußerlich zu betrachten und anhand einer Farbskala zu bewerten. Das sei zwar keine sehr exakte, aber im Moment noch die beste Möglichkeit, das Alter zu bestimmen.

Ogris will sie in ihrer Arbeit, für die sie auch am Ludwig-Boltzmann-Institut für Klinisch-Forensische Bildgebung forscht, besser verstehen. Dazu hat sie gesunden Erwachsenen in einer Studie künstlich Hämatome verpasst: Sie injizierte Blut aus der Armvene in den Oberschenkel. Die Veränderungen dokumentierte sie mit Fotos, blickte aber auch mit Magnetresonanztomografie ins Innere ihrer Probanden.

Das Ergebnis: Der Farbverlauf war sehr variabel. „Die Hämatome sahen bei den wenigsten gleich aus, das beweist, wie viele unterschiedliche Einflüsse wirken“, sagt Ogris. Mit ihrer Forschung zeigte sie, dass eine objektive Einschätzung des Entstehungszeitpunkts mittels Bildgebung möglich ist. Hier will sie nun weiter anknüpfen: Weil ein künstlich gesetztes Hämatom nicht den Folgen stumpfer Gewalt entspricht, fügt sie den Probanden mit einer mechanischen Vorrichtung kleine Quetschungen zu.

Alle haben sich übrigens freiwillig der Wissenschaft zur Verfügung gestellt – und erhalten außerdem eine kleine Aufwandsentschädigung.

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(Print-Ausgabe, 23.07.2016)

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