Agitation gegen die Urbanen

Faschisierung lautet der Befund dreier Kulturwissenschaftler über die politische Entwicklung in Ungarn. Weniger aufgrund des schleichenden Totalitarismus auf staatspolitischer Ebene als wegender „autoritären und völkischen Formierung in der Bevölkerung“.

Kaum jemand wird die Gefahren in Abrede stellen wollen, die von deutschen Neonazis oder der weitaus erfolgreicheren, von deutsch-völkischen Burschenschaften dominierten FPÖ ausgehen. Doch wollte man heute eine mehrheitsfähige autoritär-völkische Mobilisierung im klassischen Sinn ausmachen, müsste man viel eher auf ein Land wie Ungarn als auf die Nachfolgegesellschaften des Nationalsozialismus schauen. Die Magyaren belegen bei vergleichenden Länderstudien zur Verbreitung von Fremdenfeindlichkeit und klassischem Antisemitismus regelmäßig Spitzenwerte. 62 Prozent der Ungarn glauben, Romaseien „kriminell veranlagt“, und über zwei Drittel halten Homosexualität für unmoralisch. 46 Prozent machen „die Juden“ für die aktuelle Finanzkrise verantwortlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.04.2013)

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