Ade Tantchen, innigst Dein Karl

Auch wenn's oft nicht so aussieht: Doch, es gab auch – leider fast vergessene – Menschen bei uns, auf die man stolz sein kann. Heimo Halbrainers ergreifendes Gedenkbuch über die Opfer der NS-Justiz in Graz – und das Davonkommen der Täter.

Steirisch werden, das bedeutete – und bedeutet vielleicht heute noch – in der österreichischen Umgangssprache, dass man sich aus verletztem Ehrgefühl vom Zorn übermannen lässt. Ein paar Watschen, derbe Worte, Widerstand gegen die Obrigkeit. Steirern platzte oder platzt der Kragen offenbar schneller als den Restösterreichern, man darf ihre Taten deshalb nicht mit der üblichen Strenge ahnden. Mit diesem Argument bemühten sich 1942/43, also mitten in den Terrorjahren der Naziherrschaft, einige Grazer Rechtsanwälte um Strafmilderung für ihre Mandanten, die als kommunistische Widerstandskämpfer vor dem Volksgerichtshof standen: Die Steirer seien immer schon Rebellen gewesen und sollten, als „bestes deutsches Arbeiterblut“, nicht zum Tode verurteilt werden.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2015)

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