Du bist mein Meer

„Er sieht es durch die Kamera, die es nicht gibt. Er sieht den Bauch der Frau. Er denkt an das Ungeborene darin. Er denkt es als ein Neugeborenes, von dem er kein Foto wird machen können. Er sieht das unmögliche Bild vor sich. Er weiß: So viel hat er von seinem Kind noch nie gesehen.“ Beginn einer „Novelle in Bildern“.

Er hat seinen Fotoapparat verloren.
Besser gesagt: seine Digitalkamera, klein und schwarz, ein Geschenk seines Vaters.
Und auch „verlieren“ ist nicht das richtige Wort. „Verlieren“ ist ein Tun-Wort, und er hat nichts getan. Die Kamera ist auf dem Beifahrersitz seines Autos gelegen. Er weiß das, er hat sie dort liegen gesehen. Erst, als er sie in seine Tasche packen will, ist sie nicht da.



Er denkt wie Parmenides: Nichts kann nicht existieren. Alles, was da ist, existiert seit jeher. Und nichts – kein Ding, kein Mensch, kein Augenblick – kann jemals (und schon gar nicht urplötzlich!, denkt er) aufhören zu existieren.
(Wenn es „fixe Ideen“ in seinem Weltbild gibt, dann diese.)



Er sucht unter dem Sitz. Im Handschuhfach. Im Kofferraum. Er sucht in seiner Tasche, durchsucht die seiner Frau. Am Flughafen öffnet er beide Koffer. Er kramt, während des Flugs, im Handgepäck.
Er ertappt sich dabei: dass er, unter dem Beifahrersitz des Mietautos, nach etwas sucht.



Er sieht sich um. Er sieht, was ihn in P. umgibt (die Frau, das Haus am Meer, das Meer), in Fotos. Er sieht es durch die Kamera, die es nicht gibt. Er weiß, dass er die Fotos, die er sieht, nicht machen kann.



Er sieht, auf einem solchen Foto, den Bauch der Frau. Er denkt an das Ungeborene darin. Er denkt es als ein Neugeborenes, von dem er kein Foto wird machen können. Er sieht das unmögliche Bild vor sich. Er weiß: So viel hat er von seinem Kind noch nie gesehen.



Er findet in dem Haus ein Fernglas. Er entwickelt eine Zuneigung dazu. Oft sitzt er in der Wohnküche des Hauses auf dem Sofa und schaut – durch das Fernglas, durch die Scheiben der Hoftür, über die niedrige weiße Mauer, die den Hof gegen die dahinter liegende Küste abschirmt, hinweg – aufs Meer hinaus.



Es gelingt ihm nicht, das Fernglas so einzustellen, dass er mit beiden Augen hindurchschauen kann. Mit beiden Augen sieht er doppelt und unscharf. Er muss ein Auge zumachen (das linke), um deutlich zu sehen. Er sitzt mit dem Fernglas auf dem Sofa – und schaut (durch das eine Okular wie durch die Linse eines alten, eines noch analogen Fotoapparats) aufs Meer hinaus.



Die Tür, durch die er aufs Meer hinausschaut, besteht aus: einem Rahmen, einem Mittelpfosten, zwei Querverstrebungen; dazwischen ist Glas.
Besser gesagt: In der Tür sind sechs rechteckige Scheiben.
(Sechs Fotos vom Meer.)



Wie gut, dass er die Kamera verloren hat, denkt er. Wer weiß, wie oft er sonst den Blick aus der Wohnküche – die kleine weiße Mauer, die Hummerreuse vor der Mauer, das Meer – fotografiert hätte... Und wer um Himmels willen, denkt er (als er mit dem Fernglas auf dem Sofa sitzt), hätte sich so viele Bilder vom Meer je angeschaut.



Er fängt an zu zeichnen. Er weiß natürlich, dass er nicht zeichnen kann.
(Er kann genauso wenig zeichnen, denkt er, wie er Fotos machen kann.)

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2011)

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