Nichts Neues

„Eine Strafe ist das. Eine Strafe dafür, dass ich nichts gelernt habe, dass ich Kinder habe, keinen Mann habe. Dass ich kein Geld habe. Dafür sitze ich hier. Dafür sitze ich hier ein. Und ich sitze hier jahrzehntelang.“ Eine Erzählung.

Nur heute: die Angebote des Tages: Mannerschnitten im Zehnerpack, Sechsertranche Vöslauer Weingartenpfirsich und Selchroller aus biologischer Tierhaltung zum Tiefstpreis. Greifen Sie zu!“ Die Frau hat tatsächlich alle Angebote im Einkaufswagen. „17,65, bitte“. Jetzt kramt sie nach ihren Centmünzen, schneller ginge es, wenn ich einfach herausgebe. Früher mit den Schillingen und Groschen war das leichter. Da haben die Alten ein bisschen schneller gekramt, obwohl sie schon die dritte Währung in der Geldtasche hatten, oder waren sie nur jünger damals? Sitze ich schon so lange an der Kasse, dass ich mich an den Schilling erinnern kann? Wann war das? Vor neun, zehn Jahren? Und wie lange sitze ich noch hier, noch einmal zehn Jahre? Wer weiß, wann man in Pension gehen kann. Wahrscheinlich mit 75, das wären weitere 25 Jahre. Das klingt wie eine Strafe, die man absitzen muss. Ist es auch. Eine Strafe. Eine Strafe dafür, dass ich nichts gelernt habe, dass ich Kinder habe, keinen Mann habe. Dass ich kein Geld habe. Dafür sitze ich hier. Dafür sitze ich hier ein. Und ich sitze hier jahrzehntelang.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2011)

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