Standby

„Sabine und er werden überleben. Aus dem Trümmerhaufen der Zivilisation werden sie aufstehen als Gründer einer neuen Welt. Wie wird Sabines Muttermilch schmecken? Bald, wenn die neue Menschheit an Sabines Brüsten großgezogen werden wird, wird auch er davon kosten können.“ Beginn eines Romans.

Am Freitag gegen 15:00 werden die ersten Headsets abgenommen, Computer heruntergefahren, Schreibtische aufgeräumt und Kaffeetassen in die Teeküche gebracht. Beim Weggehen wird ihm nicht mehr in die Augen geblickt. Eilig wird die Glastür geöffnet und das Callcenter verlassen. Genau beobachtet er jeden davoneilenden Mitarbeiter und denkt dabei, was für ein hässliches Wort das Wort Teeküche ist. Um 15:32 nimmt Sabine ihr Headset ab. Sie fährt ihren Computer herunter, nimmt den Parka von der Lehne ihres Drehstuhls und schlüpft mit einem kurzen Hochziehen beider Schultern hinein. Der Gedächtnisschaum der Rückenlehne des Bürodrehstuhls formt sich langsam wieder zurück. Kurz blickt Sabine in seine Richtung, mit einem leichten Nicken, als erwarte sie von ihm die Erteilung der Erlaubnis zu gehen. Er wird von Sabine enttäuscht. Er ist von Sabine enttäuscht. Keine Sekunde wendet er die Augen vom Bildschirm ab, sondern starrt beharrlich auf die Eingabemaske seiner Anwendung und wünscht Sabine in dieser Haltung ein schönes Wochenende.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2011)

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