Hinter dem grünen Fetzen

Weniger Stress, bessere Wundheilung, weniger Komplikationen, kürzere Spitalsaufenthalte: Die Erfolge der modernen Schmerztherapie können sich sehen lassen. Doch die Pein ist nicht aus der Welt zu schaffen. Wie Schmerz zur Sprache wird.

Die Frau, an deren Bettrand ich stand, war erst kurz zuvor aus dem Operationssaal gekommen, mit verängstigtem Blick lag sie da und weinte: „Es tut so weh. Es tut so weh.“ Sie hatte eine große Operation hinter sich, bösartiges wie gutartiges Gewebe war ihr weggeschnitten worden. Während ich das Opiat verordnete, traf mich ihr Blick, und ich überlegte auf einmal, ob ihr Schmerz nicht noch einen anderen Hintergrund haben könnte, ein Subthema, eine humusreiche Erde, auf die der Wundschmerz gefallen war, um unerwartet rasch emporzuwachsen. Hätte ich zu fragen gewagt, ob auch ihre Seele weine, während ich das Opiat injizierte, vielleicht wäre meine Anteilnahme beruhigend gewesen? Doch dafür war ich damals nicht ausgebildet. Lieber lief ich zurück in den Operationssaal, wo ich mich sicherer fühlte. Dort wurden alle in einen schmerzlosen Schlaf geschickt. Der Nächste, bitte! Nur wer schnell, mutig und resistent gegen Angst und Selbstzweifel war, konnte in der Anästhesie bestehen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2012)

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