Als alles vorbei war

Wien, Herbst 1977: Walter Mi-chael Palmers wird von einem Kommando der deutschen „Bewegung 2. Juni“ entführt. Ich habe Angst, aufgrund meiner politischen Tätigkeit ins Fahndungsnetz der Polizei zu geraten. Im Spiegelkabinett des Terrors: eine Erinnerung.

APA/VOTAVA

Das Delikt. Am 9. November 1977 wird der Industrielle Walter Michael Palmers abends vor seiner Villa in Wien-Währing in ein Auto gezerrt, kurz danach in einen VW-Kastenwagen mit der Aufschrift „Entrümpelung“ verfrachtet und für 100 Stunden an einem geheimen Ort festgehalten, so die spätere Schilderung des Tathergangs von Seiten des Gekidnappten. Presse und Fernsehen reagieren verspätet, Polizei und Staatspolizei werden von der Familie des Opfers erst dann als Partner akzeptiert, als 31,5 Millionen Schilling übergeben sind und der Entführte wieder auf freiem Fuß ist. Was in der Öffentlichkeit zunächst wie ein Gangsterstück oder gar als innerfamiliäre Angelegenheit wahrgenommen wird, entpuppt sich als „Geldbeschaffungsaktion“ der deutschen „Bewegung 2.Juni“. Österreich ist geschockt, und das bis heute. Ein Irrgänger der deutschen Zustände hat ein unschuldiges, neutrales Nachbarland, nämlich Österreich, nicht Dänemark, die Schweiz, Belgien, Holland oder Luxemburg, nein, ausgerechnet Österreich über Nacht und ohne Vorwarnung erreicht: die „Palmers-Bande“.

Das Jahr 1977. Die „Arena“-Bewegung hat die Stadt belebt, eine ganze Generation ist auf der Suche. Jedenzweiten Tag eine Demonstration, Institutsbesetzungen an der Universität Wien, Vorlesungen werden bestreikt,am Abend Teach-ins der Confederation of Iranian Students oder kurdischer und palästinensischer Organisationen in den Hörsälen des Neuen Institutsgebäudes; GRM (Trotzkisten) und KBW (Maoisten), SOAK (Linkssozialisten), IKL (Supertrotzkisten) und BfS (Bewegung für Sozialismus) dirigieren ihre Anhänger zu diversen Studentenversammlungen. Nicht zu vergessen die im Zuge der „Arena“-Bewegung wie Pilze in der Stadt hervorgeschossenen Szenebeiseln, wo bis in der Früh weiterdiskutiert werden kann. Während die bürgerliche Öffentlichkeit der BRD längst die „Szene“ ins Visier genommen und der Staat Teile der Professorenschaft genötigt hat, sich von ihr zu „distanzieren“, können wir uns in Wien ungehindert austoben.

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