Dunkler Mann, heller Mann

Zum hundertsten Geburtstag Herbert von Karajans: acht Stimmen zu einem Phänomen.

(c) APA (Erich Lessing)

Elfriede Jelinek, Schriftstellerin

Grösste Annehmbare Ungenauigkeit.–Ich habe zwar lange Musik studiert, verstehe aber trotzdem nur wenig von Interpretation. Ich neige dazu, mich immer sofort an die Stelle des Interpreten, der Interpretin, zu setzen, die ich gerade höre, und daher bleibe ich immer im Ungenauen. Bei Karajan ist das aber nicht möglich, weil er selbst, als ein Einziger, zur Summe des Interpretentums gemacht worden ist, zum größten gemeinsamen Nenner, zur Summe der Summen, an deren Stelle sich keiner mehr setzen kann; er lässt mir keinen Platz. Er lässt, im Namen seiner legendären Genauigkeit, niemandem einen Platz. Er ist gleichzeitig zum Zähler geworden, den jeder benennt, zum ersten Interpreten, der allein schon alles zählt, indem er alles allein macht – in der Oper sogar die Inszenierung noch – und daher auch: alles ist. Sogar in die NSDAP ist er zweimal eingetreten, als hätte es ihn ohnedies mehr als einmal geben müssen und als hätte er sich auch als mehr als einer gefühlt.

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