Reise in die vierte Dimension

Was macht die Zeit, wenn sie vergeht? Selbst Einstein wusste keine Antwort. Mein Besuch im Wiener Uhrenmuseum: einfraktaler Bericht.

(c) Die Presse (Gerhard Roth)

Ganz in der Nähe des Judenplatzes, genauer gesagt am Schulhof 2,steht eines der ältesten Gebäude Wiens mit Grundmauern aus dem Mittelalter. Seit 1921 wird dort auf drei Etagen die Zeit zerhackt, in Bildern versteckt, in Spieluhrenmusik oder Kuckucksrufe verwandelt, ausgependelt oder mit Hilfe skurriler Automaten verkündet.

In dieser scheinbar vergessenen, zumindest aber aus der Gegenwart in die Vergangenheit transformierten Zeitfabrik sah ich in meiner Vorstellung des Öfteren schon das Weiße Kaninchen des Mister Charles Lutwidge Dodgson, eines gelehrten Mathematikers, durch die Räume flitzen und hörte es im dschungelhaften Getick der 1000 Uhren sein „O weh! O weh! Ich werde zu spät kommen!“ ausrufen, wobei es mit seinen weiß behandschuhten Pfoten „wahrhaftig eine Uhr aus der Westentasche zog – und daraufsah und dann weitereilte“, wie Mister DodgsonsPseudonym, der Schriftsteller Lewis Carroll, am 4. Juli 1862 drei kleinen Mädchen auf einer Flussfahrt in einem Boot erzählte und Hunderttausende Menschen seither schon Hunderttausende Male Wort für Wort in dem daraus entstandenen Buch „Alice im Wunderland“ gelesen haben. Mister Dodgson- Carroll hat mit Hilfe des Weißen Kaninchens nicht weniger als denRaum der Zeit, die so- genannte vierte Dimension, in Buchstaben –wenngleich auch nicht in mathematisch-physikalische Formeln – gefasst, vielleicht angeregt durch das Gewässer, in dem sie gemächlich dahintrieben und das ihnwomöglich auf den Gedanken brachte, den Strom der Zeit mit seiner Fantasie zu erkunden.

Das ist drin:

  • 0 Minuten
  • 0 Wörter
  • 1 Bild

Sie sind bereits Abonnent?

Klicken Sie hier, um sich einzuloggen

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2009)

Meistgelesen