Professor Klaus Amann: Der Weg ins Freie

Hilfsarbeiterkind aus dem Kleinwalsertal. Selbst jugendlicher Hilfsarbeiter und Hirte. Spät berufener Internatsschüler. Germanist.Professor Klaus Amann, Leiter des Klagenfurter Musil-Instituts, zieht sich aus dem Berufsleben zurück. Einblicke in ein österreichisches Gelehrtenleben.

(C) ORF

Die Literatur, Klaus Amann, wurde Ihnen nicht in Wiege gelegt. Wie sind Sie zu ihr gekommen?

Klaus Amann: Sowohl der Überfluss als auch der Mangel können ein Stachel sein. In meinem Fall war es der Mangel. Ich komme aus einer nicht nur Arbeiter-, sondern Hilfsarbeiterfamilie. Aus dem Kleinwalsertal. Erschwerend war die Invalidität meiner Eltern: Mein Vater war durch einen Arbeitsunfall fast gehunfähig, und meine Mutter hat fast nichts gesehen, auch durch einen Unfall. Deshalb sind die frühesten Jahre, bis ich mit 14 von daheim weggegangen bin, von der Erfahrung des Mangels geprägt: dass im Grunde alles, was nicht mit den alltäglichen Bedürfnissen zu tun hatte, Luxus war. Zum Luxus haben die Bücher gezählt, weil es keine gegeben hat. Meine Mutter hat gern gelesen, eher religiöse Dinge, später Zeitungen. In meiner Jugend gab es zu Hause keine Zeitung. Durchmeine älteren Geschwister sind dann irgendwann Karl-May-Bücher ins Haus gekommen,von Nachbarn oder von Schulkameraden ausgeliehen. Eine prägende Erinnerung ist, dass ich aneinem Samstagnachmittagnach der Lektüre eines Karl-May-Buches an den Herrn Karl May in Radebeul einen Brief schrieb, in dem ich ihm gestand, dass mich seine Bücher begeistern, dass es aberin unserem Haushalt nur ganz wenige gibt und dass ich in der Liste, die in den Büchern zu lesen war, sah, dass es so viele gibt, ob er vielleicht noch ein paar zu Hause hat und ob er mir nicht doch eins schicken könnte. Ich habe nach einigen Monaten eine freundliche Antwort vom Karl-May-Verlag in Radebeul bei Dresden bekommen, dass sie mir einige Prospekte schicken – daraus habe ich entnommen, dass der Karl May schon tot ist.

Was manche immer noch nicht wissen.

Die frühe Lektüre hatte suchtartige Züge, und es war eben hauptsächlich Karl May. Meine Mutter hat die Lektüre, zumindest am Tag und wenn ich gesund war, gar nicht gern gesehen. Das galt bis zum Abend, bis man ins Bett ging, allerdings wurde dann natürlich das Licht gelöscht. Aber wenn man krankwar, war das Lesen erlaubt. Ich kann mich erinnern, dass ich da an einem Tag ein Karl-May-Buch von Anfang bis Ende ausgelesen habe. Alles andere, während der Arbeitszeit, wenn man sich da zum Lesen hingesetzt hat, war das immer eine Provokation. Dann hieß es: Hast du nichts Besseres zu tun?

Wie kommt man über Karl May hinaus?

Im Sommer hat man mich immer auf die Alm geschickt. Als Hirte habe ich die Arbeit eines Erwachsenen gemacht, also durchaus klassische Kinderarbeit. Mit zwölf hatte ich das Glück, und das war mein Schlüsselerlebnis, dass auf dieser Alm, wo auch hin und wieder Gäste beherbergt wurden, eine Studentin aus Münster in Westfalen, eine Philosophie- und Germanistik-Studentin, sich ein bisschen für mich interessiert hat. Sie hat sich erzählen lassen, was ich da tue, und dann hat sie mir im Herbst, als ich mit den Kühen ins Tal gegangen bin, einen Packen Bücher geschickt, „Huckleberry Finn“ war dabei und „Der kleine Prinz“. Aus dieser zerstreuten Lektüre der Kindheit ist etwas Programmatisches geworden. Ich dachte, in der Richtung möchte ich weiterlesen. Die Studentin aus Münster war auch daranbeteiligt, meine Eltern davon zu überzeugen, dass ich eine weiterführendeSchule besuchen soll. Nacheinigen Hürden und auch nach einigen Verzögerungen, wo ich auch als Hilfsarbeiter tätig war und für die Allgemeine Wasserversorgung Gräben ausgehoben habe, bin ich dann nach Stams. Dort war eine Spätberufenenschule, was für mich auch im übertragenen Sinne gegolten hat. Es gab aber nicht den Druck, dass man unbedingt schwören musste, Priester werden zu wollen. Ich habe mich, obwohl es ein Internat war und man nur zweimal im Jahr heimfahren konnte, nicht unwohl gefühlt. Besonders an den Wochenenden: Die in der Nähe wohnenden Schüler wurden von den Eltern abgeholt, und so sind immer nur schätzungsweise zehn Leute, die eben von weiter her kamen, im Stift geblieben. Ich habe diese fünf Schuljahre lesend und auch schreibend verbracht. Diese Studentin aus Münster, die dann Assistentin des Philosophen Joachim Ritter war...

Die Münsteraner Ritter-Schule: Lübbe, Marquard, Spaemann...

Sie hat mich weiter mit Büchern versorgt, auch mit solchen, zum Beispiel von Hegel, die weit über meinen Horizont hinausgingen. Aber ich habe diese sehr enge persönliche Beziehung auch als eine Verpflichtung zum Lesen empfunden, und ich habe die Bücher gelesen, auch wenn ich sie nicht verstand oder damals nicht so verstanden habe, wie ich sie heute verstehen würde. Also den Hegel nicht fertig, aber den Bloch habe ich gelesen – damals ist gerade die Edition Suhrkamp gegründet worden. Sie hat mirreihenweise diese Bücher geschickt, aber natürlich auch literarische Texte, vorwiegend Brecht, auch andere. Das war ausfüllend, das hat mir gereicht, und ich habe das, was andere im Internat als tote Zeit oder als Langeweile erlebten, ganz gut gefüllt. Es war für mich klar, dass ich mich beruflich mit Literatur befassen will. Die Frage war nur, wohin dieses Literaturstudium führen soll, also etwa zum Lehrberuf oder, ja, das war mir unklar.

Wie sehen Sie das Studium im Rückblick?

Der Eindruck vom Studium in Wien ist bei mir bestimmt durch meine soziale Situation. Als ich meinen Eltern gegenüber den Wunschzu studieren äußerte, war die Antwort meines Vaters: Das musst du selber wissen, aber wenn du es anfängst, musst du es auch fertig machen. Die zweite Bedingung war, dass ich mein Studium selber finanziere. Außer der Kinderbeihilfe, die mir dann weitergeleitet wurde, habe ich von zu Hause keine finanzielle Unterstützung erwartet. Ich hätte sie auch nicht angenommen, weil einfach die Verhältnisse nicht so waren. Ein Glücksfall war, dass es bereits die Kreisky-Firnberg-Studienreform gegeben hat. Mit einem Stipendium und mit Ferialarbeiten habe ich mein Studium so finanziert, dass ich einigermaßen leben konnte. Der Rahmen war, in der Laufzeit des Stipendiums fertig zu werden:Doktorat fünfeinhalb Jahre, elf Semester. Ich machte natürlich meine Entdeckungen, die mir in der Mittelschule verwehrt waren, Büchner, Kleist. Ein anderer Aspekt war, dass ich mir ein Handwerk, das literaturwissenschaftliche Handwerk, erarbeitet habe. Aber dass ich politisch engagiert gewesen wäre, nein. Ich habe Politisches genau verfolgt, soweit das halt möglich war, ich war ja nicht der ständige Bezieher einer Zeitung – was man halt durch sporadische Zeitungslektüre so mitgekriegt hat, durch das Radio, manchmal durch das Fernsehen. Daran habe ich schon teilgenommen. Aber den Schritt gab es nie, dass ich gesagt hätte, ich geh in eine dieser Gruppen, die da versuchten, Mao oderMarx auf Österreichisch umzudeuten. Auch in Anbetracht der Führungsfiguren dieser Gruppen hat mich das nicht sehr gelockt. Ich habe viel gelesen, und ich glaube, ich habe fleißig studiert, und ich bin auch, um meine Stunden fürs Stipendium und meine „Sehr gut“ fürs Begabtenstipendium zu bekommen, am Samstag zu Vorlesungen gegangen. Ich habe mein Studium wie ein Beflissener, sehr beflissen, absolviert. Ich habe viel Zeit auf der Universität zugebracht, bis ins sechste, siebente Semester. So lange hat es gedauert, bis ich begriffen habe, dass ein Tag, den man zu Hause mit einem Buch verbringt, oft ertragreicher sein kann, als in der Universität herumzuirren und irgendwelche Vorlesungen sich anzuhören. Ich war – mit Ausnahme ganzweniger – unzufrieden mit der Besetzung des Germanistischen Instituts.

Diese Besetzung war lange, lange am Ruder.

So bin ich auch nicht irgendjemandes Schüler. Ich habe mich zu keiner dieser Lehrkanzeln zugehörig gefühlt. Es ist dann mit dem Studium, selbst mit der Dissertation, sehr schnell gegangen. Mein Thema war Stifter. Ich glaube, bei dieser Dissertation, die ich heute nicht mehr schreiben könnte, die ich also anders schreiben würde, war das Entscheidende, dass ich mich zum ersten Mal mit rezeptionstheoretischen Fragen beschäftigt habe, mit den Schriften von Iser und Jauß, die damals sehr aktuell waren. Und dann bin ich – wieder eher durch Zufall – nach Klagenfurt gekommen.

Ich glaube, Sie waren der letzte Dissertant von Herbert Seidler.

Ich war davor in zwei oder drei seiner Seminare und arbeitete kurze Zeit auch als wissenschaftliche Hilfskraft für ihn. Er hat dann gesagt: Wollen Sie nicht eine Dissertation schreiben? Gehen Sie zum Doktor Berger, undholen Sie sich ein Thema. Und der Berger hat gesagt, beim Seidler muss es derzeit, weil er übers 19. Jahrhundert arbeitet, 19. Jahrhundert sein. Im 19. Jahrhundert gibt's Grillparzer oder Stifter – wollen Sie Grillparzer oder Stifter? Hab ich gesagt: Stifter, Grillparzer kenn ich zu wenig. Hat er gesagt, na, da machen Sie Stifters „Nachsommer“, kennen Sie den? Hab ich gesagt: Nein, kenn ich nicht, aber mach ich.

Aber das ist doch eine schwierige Sache, wie man vom Studium zu einer akademischen Stelle kommt.

Es war ein Glücksfall. Damals, gerade als ich fertig war, wurde in Klagenfurt eine Stelle ausgeschrieben, am Germanistikinstitut, das zwei Jahre vorher gegründet worden war. Ein Glücksfall auch, dass am Germanistikinstitut zumindest eine Person war, Norbert Frei, ein Studienkollege, der mich kannte. Er hat mich auf diese Ausschreibung aufmerksam gemacht, ich wusste ja gar nichts davon, ich les ja nicht die „Wiener Zeitung“. Es haben sich 17 andere auch beworben, und ich bin es geworden. Bis heute weiß ich nicht, weshalb. Ich konnte halt die gedruckte Dissertation vorweisen und ein oder zwei Aufsätze, also genauso viel, wie man heute zu wenig hätte.

Und dieses merkwürdige Selber-sich-was-Beibringen über Jahrzehnte und dann unterrichten – das ist doch eine Veränderung?

Am Anfang war der Unterricht für mich eine absolute Angstvorstellung. Das hat sich mit der Zeit gegeben, und doch ist es heute noch so, dass ich vor Vorlesungen, vor Seminaren immer erhöhten Blutdruck und erhöhten Puls habe, wegen des eigenen Anspruchs undebenso, weil es auch einen Anspruch der Studierenden gibt.

Es ja nicht beim Unterrichten geblieben, sondern es ist auch eine Forschungsgeschichte daraus geworden.

Sowohl in meiner privaten Lektüre wie auch bei den Themen, die ich bearbeite, gibt es eine Voraussetzung, die, ohne dass ich immer daran denke, ständig präsent ist: Das ist das Gefühl, dass ich weiß, wo ich herkomme. Und daraus folgt, dass ich bei den Dingen, die ich bearbeite, auch wissenschaftlich bearbeite, die Sachen nicht um ihrer selbst willen betreibe, sondern ich möchte etwas zeigen, ich möchte etwas bewirken, was im weitesten Sinn auch mit dem alten Begriff „Engagement“ umschrieben ist. Ich könnte nicht irgendwelche Glasperlenspiele oder strukturalistische Geometrien entwerfen. Mich hat immer interessiert, in welcher Situation Texte entstanden sind, wie sie gemacht sind und wie sie wirken. Und mich hat interessiert, wie Autoren schreiben, unter welchen materiellen, politischen, sozialen Umständen sie schreiben und wie ihr Verhältnis zu den herrschenden Mächten desKapitals und der Politik ist, aber auch zum sogenannten gesunden Volksempfinden. Von daher war es auch eine ganz klare Überlegung, als Habilitationsthema den Nationalsozialismus in der Literatur zu wählen, ein Gebiet, das bis dahin so gut wie überhaupt nicht bearbeitet war. Es hatte in Österreich kaum jemand versucht, die institutionellen, die ideologischen Voraussetzungen und die Marktsituation zu analysieren. Ganz im Unterschied zu Deutschland. In Österreich wusste man nicht einmal, wer beteiligt war, also weder bei den Germanisten noch bei den Autoren. Das Thema meiner Habilitation war eine Entscheidung im Sinne eines Engagements. Aus der Lektüre dieser Texte kann man keine persönliche Freude beziehen. Das ist eine Qual, diese Nazitexte über zehn Jahre hinweg zu lesen. Auf der anderen Seite habe ich den Versuch unternommen, bestimmte institutionelle, ökonomische, persönliche Zusammenhänge zu beschreiben, durchaus im Sinne eines spezifischen „literarischen Feldes“. Ich habe zehn Jahre lang Material gesammelt und hätte wahrscheinlich dreimal so viel drüber schreiben können. Ich habe mich dann auch in der Gegenwartsliteratur mit Autoren beschäftigt, die – ob nun zustimmend oder widerständig – mit dem Nationalsozialismus zu tun hatten: Tumler, Perkonig, Heimrad Bäcker, Michael Guttenbrunner. Das hat mit dem Interesse an der Spannbreite des Verhaltens unter totalitären Bedingungen zu tun. Durch die Habilitation über den Anschluss der österreichischen Schriftsteller ans Dritte Reich habe ich die Arbeit in Archiven für mich entdeckt und auch große Freude dran bekommen, weil es auch etwas von einer Jagd hat, von einer Jagd nach Quellen, die dann Vermutungen bestätigen oder zerstören. Und ich hab das dann weiter betrieben, das hat dazu geführt, dass ich doch bei einer Reihe von Autoren der Erste war, der ihr Verhalten im Dritten Reich untersucht hat. Als ich 76 nach Klagenfurt gekommen bin, war Perkonig der größte Dichter Kärntens. Es hat Feiern gegeben, eine Perkonig-Gesellschaft. Der Landeshauptmann Haider hat als Schulreferent des Landes empfohlen, in den Volksschulen mehr Perkonig zu lesen. Durch meine Forschungen istder Wunsch, Josef Friedrich Perkonig zu feiern, ziemlich abgeflaut. Ich halte das bei seiner öffentlichen Rolle – von den Zwanzigerjahren an bis in die Fünfzigerjahre hinein – für eine Notwendigkeit.

Welche Rolle war das?

Perkonig hat seine Rolle in allen zu seiner Lebenszeit herrschenden Systemen gespielt –das war der militante Abwehrkampf, wo er der Propagandachef war, das war der österreichische Ständestaat, wo er Landtagsabgeordneter und Gemeinderat war, gleichzeitig aber schon illegaler Nationalsozialist. Das muss man sich einmal vorstellen: Er war Landtagsabgeordneter und Professor an der Pädagogischen Akademie, also österreichischer Beamter, und tritt einer illegalen Partei bei, die ein oder zwei Jahre davor den Bundeskanzler ermordet hat. Im Dritten Reich war er Leiter der Reichsschrifttumskammer im Gau Kärnten, und 45/46 hat er einen Essay mit dem Titel „Wir Österreicher“ veröffentlicht, in dem er sagt: Gemessen an der tausendjährigen Geschichte Österreichs, war das Dritte Reich nur ein Augenblick, wir werden ihn vergessen. Damit hat er sich wieder als Sprecher und Wortführer für die Nachkriegszeit empfohlen.

Sie haben die Bedeutung von Heimrad Bäckers „nachschrift“, einem 1986 erschienenen literarischen Werk zum Verhältnis von Nationalsozialismus und Sprache, früh erkannt.

Mich hat wieder dieser biografische Stachel interessiert: Bäcker war als Jugendlicher – als behinderter Jugendlicher mit einer Rückgratverkrümmung – bei der Hitlerjugend, und er hat auch ein, zwei überflüssige Rezensionen über Hitlerliteratur veröffentlicht. Dieses Faktum, es nicht erkannt zu haben oder sich nicht genügend ferngehalten zu haben von denen, hat ihn sein Leben lang beschäftigt. Bäcker hat es bis an sein Lebensende als seine Aufgabe empfunden, den Nationalsozialismus zu befragen und sich selber zu befragen, wie es dazu kommen konnte. Mich hat auch die Radikalität fasziniert, mit der er das gemacht hat, und ich habe ihn dann fast noch20 Jahre lang begleitet und mehrfach über seine Arbeit publiziert. Für mich war dieser dreifache Aspekt wichtig: der politische, der biografische und der formale. Die „nachschrift“ ist ja eine grandiose Weiterführung der Ansätze der „konkreten Poesie“.

Das Beschämende ist, dass der Heimrad Bäcker und die „nachschrift“ eher dazu neigen, im öffentlichen Bewusstsein kaum vorzukommen.

Man muss, um das Buch zu verstehen, in den Anhang hineinschauen und erst einmal begreifen, dass hier die Quellen nackt präsentiert werden, aber dass sie nicht authentisch präsentiert werden, sondern in einem poetologischen Kontext. Das muss manschon begreifen, und dafür braucht es ein bisschen Erfahrung. Man müsste es auf jedenFall mehr an den Universitäten zur Hand nehmen und den Studierenden zeigen.

Sie sind, neben Ihrer wissenschaftlichen Arbeit, in klassischer Weise akademischer Literaturkritiker.

So viele Kritiken habe ich gar nicht geschrieben, vielleicht hundert. Aber ich sehe, dass diese Tätigkeit des Kritikers bei mir von einem Bereich in den anderen übergeht. Ich sehe, so komisch das klingen mag, die Gründung des Musil-Instituts, des Klagenfurter Literaturarchivs und des Literaturhauses in einer literaturkritischen Funktion – in dem Sinne, in dem Peter Handke es sagte: „Der Zustand eines Landes ist am ehesten an seiner Literatur abzulesen.“ Ich denke, Literatur, auch Kärntner Literatur, die ich schätze, zu fördern ist gegenüber der herrschenden Politik eine kritische Äußerung. Literatur kann man aber nur im Rahmen einer Institution fördern, alles außerhalb der Institutionen ist Sisyphusarbeit oder Privatvergnügen. Ich habe mehr als 20 Jahre lang in Kärnten beobachtet, dass es keinen einzigen Literaturveranstalter mit einem kontinuierlichen Programm gibt. Ich habe in der Landhausbuchhandlung 15 Jahre lang selber so ein Programm gemacht, sonst hat's niemanden gegeben. Ein Land, aus dem mindestens 15 bis 20 wichtige Autoren in den vergangenen 50 Jahren hervorgegangen sind, muss doch ein Literaturhaus haben. Die zweite Überlegung war: Wenn es so viele gute Autoren hier gibt, muss es auch ein Archiv geben, denn die Sachen können ja nicht alle verschwinden. Und das Dritte, um das überhaupt durchzubringen, war die Überlegung: Wie ist es, wenn ich diese beiden Funktionen mit einem universitären Forschungsinstitut verknüpfe? Das Forschungsinstitut hat den Namen oder gibt den Namen her, so wie beim Max-Planck-Institut, und dann steigt die Universität ein, und so war es. Diese Gründung ist auch angewandte Literaturkritik. Wir haben jedes Jahr sicher 200 Anfragen von Autoren und Autorinnen und Verlagen, wir können ungefähr 40 Veranstaltungen im Jahr machen. Ich sagte Ja oder Nein aufgrund der Bücher und nicht aufgrund dessen, was in der Zeitung steht oder was der oder jener über den sagt. Nur so kann man in einem Literaturhaus Programm machen, indem man konsistent literarische Qualitätsmaßstäbeausstellt bis zu dem Punkt, an dem ein Publikum, das einen Namen nicht kennt, sagt: Ich kenn den Namen nicht, aber wenn das dort gemacht wird, dann muss es interessant sein, und da geh ich hin. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2014)

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