Ja, diese Augen!

Einerseits: ein politischer Aktivist mit Kamera. Andererseits: ein feinsinniger Poet des Alltags. Paul Strand, der große Fotograf des 20. Jahrhunderts – eine Wiederentdeckung.

Es war im Juli 1994, vor mehr als 20 Jahren, als ich Paul Strand zum ersten Mal in einer Ausstellung begegnete. Nicht ihm natürlich, dem Fotografen, der 1890 geboren und 1976 gestorben ist, sondern seinen Bildern. Es war zugleich das erste Mal, dass ich mich einer Fotoausstellung wegen in den Zug gesetzt hatte und ins Ausland, nach München, gefahren war. Woher ich den Hinweis auf die Schau hatte, weiß ich nicht mehr, wohl aber, dass ich vor allem ein Foto im Kopf hatte, das ich mit diesem Namen verband: die Aufnahme einer blinden Frau. Sie scheint an einer Mauer zu stehen. Es ist Winter. Ein dunkles, trostloses Bild. Wenn da nicht zwei Dinge wären: das blendend weiße Schild mit der Aufschrift „Blind“, das sie auf ihrer Brust trägt, und die Augen. Ja, diese Augen! Merkwürdig, welchen Sog diese blinden Augen, die noch dazu auf die Seite gerichtet sind, auf mich ausübten. Ich hatte dieses Foto wohl Jahre zuvor in einem Schulbuch oder in einem Magazin gesehen und es war mir im Gedächtnis geblieben. Kein Wunder. Diese blinde Frau, aufgenommen 1916 in New York, ist längst zur Ikone geworden, die weltweit und in allen Medien zirkuliert.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2015)

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