Was ist los mit Europa?

Wer zu uns kommt, muss Eintritt zahlen, muss überfüllte Boote besteigen, über Stacheldrahtzäune klettern, Züge stürmen – und vor allem dankbar sein. Vielleicht wird er dann mit einem humanitären Bleiberecht „belohnt“, während wir selbst von alledem sogar noch profitieren. Die sogenannte Flüchtlingsflut:Anmerkungen eines Emigranten.

Ich hatte Glück. Zwar war das Land, in dem ich geboren wurde, eine Diktatur, und ich gehörte einer diskriminierten Minderheit an, mein Vater wurde vom KGB verhört, doch wir flüchteten nicht, wir durften legal ausreisen. Dies musste rasch erfolgen, weil das Ausreisevisum nur kurze Zeit gültig war. Meine Eltern waren Schikanen ausgesetzt, ihre Familienangehörigen, die in der Sowjetunion geblieben waren, durften sie jahrzehntelang nicht sehen. Ich war fünf Jahre alt und erfuhr erst im Transitlager Schönau bei Wien, dass wir nie mehr nach Hause zurückkehren würden. Doch war mein Leben weder damals noch in den zehn folgenden Jahren der Migration mitZwischenstationen in verschiedenen Ländernjemals bedroht, ich hatte immer ein Dach über dem Kopf und habe nie gehungert. Zwar musste ich im Alter von 15 Jahren eine kurze Zeit in Schubhaft in einer Zelle verbringen, doch gab es dort immerhin eine Toilette, ein Waschbecken und ein Bett.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2015)

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