Von einem Tag zum nächsten

Vor 20 Jahren beendete der Dayton-Vertrag den Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina. Sich selbst überlassen, gründeten die Kriegsgegner demokratische Parteien, teilten den Staat auf und halten bis heute die ethnischen Konflikte am Glosen, um sie bei Bedarf neu anzufachen. Ein Lokalaugenschein.

Ankunft in Tuzla, im Nordosten von Bosnien-Herzegowina: Die Nachrichten im Autoradio melden, dass ein Minister des Kantons wegen Korruption verhaftet wurde. Eine alltägliche Nachricht in Bosnien-Herzegowina. – In der Lobby des Hotels Tuzla fragt ein junger Mann den fremden Gast flehend, ob es nicht in dessen Land einen Job für ihn gebe. Er habe keinerlei Aussicht auf Beschäftigung in seiner Heimat. Ausländische Gäste in dem Haus ausfindig zu machen ist nicht schwer. Mitunter sitzt man in dem 223-Zimmer-Hotel aus der Tito-Zeit allein beim Frühstück. Ein kräftiger Mann Mitte 30 schwitzt in der kleinen Hotelsauna. In München hat er vor ein paar Jahren ein Fitnessstudio aufgemacht. Es sei absolut sinnlos hier, in seiner Heimat, zu investieren, sagt er. Männer in seinem Alter sprechen bisweilen ausgezeichnet Englisch. Viele haben für die Amerikaner in Afghanistan oder im Irak gearbeitet. Kriegskinder, die früh mit Lebensgefahr konfrontiert wurden, sich weniger von ihr schrecken lassen als andere. Sie sind Söldner geworden, um kräftig Geld zu machen. Von diesem müssen sie heute leben. Einer von ihnen ist heute Taxifahrer in seiner Heimatstadt. Damit gehört seine Biografie noch zu den glücklichen in diesem Land.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2015)

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