Simon lernt leben

Auch wenn zuerst die Welt unterzugehen droht, tut sie das dann doch nicht, ganz sicher nicht. Wie es ist, Mutter eines behinderten Kindes zu sein.

Wolkenhimmel
Wolkenhimmel
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In den ersten Jännertagen des heurigen Jahres laufen wir vor der Haustür den Heiligen Drei Königen in die Arme. Wir lassen uns sowohl ansingen als auch mit guten Sprüchen versehen, und die gesamten vier oder fünf Minuten, die das dauert, starren die Kinder auf Simon. Simon ist behindert, aber auf den ersten Blick sieht man das nicht so. Nur wenn er sich freut, so wie jetzt, dann reißt es seinen Kopf nach hinten oder auf die Seite, und das sieht ungewöhnlich aus. Die Heiligen Drei Könige singen und starren, und ich spüre einen altbekannten Ärger in mir aufsteigen. „Habt ihr noch nie einen Behinderten gesehen?“, würde ich sie gerne anmotzen, sowohl den Kindern gegenüber als auch der erwachsenen Betreuerin, die etwas sagen müsste, einschreiten, uns aus diesem Angestarrtwerden befreien müsste. Stattdessen starrt sie insgeheim mit und glaubt, ich würde es nicht merken. Simon freut sich indes ungestört weiter, weil er Gesang sehr gerne hat. Endlich ist es vorüber, ich setze ein falsches Lächeln auf und kompensiere meine misanthropischen Gedanken mit einem Geldschein. Das ist Simon, er ist behindert, und ich bin seine Mutter.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2016)

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