Wer nicht kuschte, ward zerrissen

Zwischen Alphütten und Jauchegruben: Das Teatro Caprile inszeniert „Auf der Flucht“ im österreichisch-schweizerischen Grenzgebiet als „interaktive Theaterwanderung“. Eine szenische Collage aus den „Anschluss“-Jahren.

Die Schauspielerin Maria King, klein und zart, roter Pagenkopf, liegt auf dem Boden einer leeren Jauchegrube und versucht verzweifelt, aus diesem Gefängnis zu entkommen. Sie zittert, immer wieder streckt sie eine Hand zum Grubenrand, dann fällt sie zurück auf den kalten Beton. Um die Grube stehen an diesem verregneten Sommermorgen auf der Ronggalpe oberhalb von Gargellen, auf 1640 Meter Seehöhe, ein gutes Dutzend Zuschauer und ebenso viele Kühe. Die Menschen schauen auf dieses Bild menschlichen Elends hinunter, oder sie schauen weg. Nur die Kühe fressen unbeeindruckt weiter, leise bimmeln die Glocken um ihre Hälse. Eine zweite Schauspielerin, Katharina Grabher, auch sie klein und zart, durchbricht die Stille der Bergkulisse mit Worten von Jean Améry: „Erniedrigung macht niedrig. Das ist ein Seelengesetz. Der Gegenstand einer anhaltenden Grausamkeit rechtfertigt diese am Ende. Darin liegt eine der härtesten Härten des Lebens.“ Auf der Jauchegrube ist eine Jahreszahl eingraviert: 1938.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2016)

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