Der Weg ins Freie

Der Glaube an die Aufklärung ist zertrümmert. In Scherben liegt, was ganz war. Es kann eine neue Aufklärung nur geben, wenn wir uns der Hoffnungen der alten auf eine solidarische, offene Gesellschaft erinnern und wenn wir wagen, über die Begrenztheit des Nationalen hinauszudenken.

(c) Erwin Wodicka

In Scherben liegt, was einst ganz war. Zerbrochen ist der Krug. Angeklagt ist, der ihn nicht zerschlug. Der Richter selbst ist es, der Schuld trägt an dem Vergehen, über das er nun zu urteilen hat. Er ist es, der, was heil war, zertrümmerte. In einem Stück erzählt uns Heinrich von Kleist, wie aus dem Recht erst nichts wird als Betrug, bis aufgedeckt ist, was geschah. Die Handlung ist – mehr oder weniger – die Verhandlung. Der Schauplatz ist eine Gerichtsstube. Der Dichter gibt den Juristen der Lächerlichkeit preis, doch zum Schluss siegt Gesetz und Wahrheit über Willkür und Falschheit. Die Liebe triumphiert. Die Hochzeit kann gefeiert werden. Der Schreiber wird zum neuen Dorfrichter. Der alte wird abgesetzt. Aber die letzte Szene deutet an, es sei am Ende doch nicht alles wieder gut. Das Verfahren ist keineswegs abgeschlossen, denn die Klägerin verweist auf das, was von Anfang an sich nicht mehr fügte, denn da ist immer noch „Der zerbrochne Krug“. Ist es nicht beinah so, als wäre das Bühnenwerk die Vorwegnahme dessen, was wir hier mehr als zweihundert Jahre nach seinem Entstehen erörtern wollen? Der Glaube an die Aufklärung ist nicht mehr unbeschadet. In Scherben liegt, was einst ganz war.

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