Wem gehört die Heimat?

Heimat ist neuerdings überall. Sie grüßt uns von Wahlplakaten und taugt auch Banken als Werbesujet. Aber was ist Heimat eigentlich? Und was steckt hinter ihrem Revival? Versuch einer Klärung.

Die Heimat können sie mir nicht nehmen.“ Diesen Satz, berichtete meine Mutter, habe mein Südtiroler Großvater immer wieder gesagt, damals, im fernen Jahr 1939. Sie, das waren die Nationalsozialisten auf der einen und die italienischen Faschisten auf der anderen Seite. Die beiden Regime hatten die Südtiroler vor eine schicksalsschwere Wahl gestellt, entweder dem Ruf des „Führers“ zu folgen und „heim ins Reich“ zu gehen oder im faschistischen Italien zu bleiben. Mein Großvater entschied sich als einer der wenigen im Dorf fürs Bleiben. Er, der sture, konservative Bergbauer, der gerne mit Sommerfrischlern über die Weltpolitik diskutierte, Schweizer Radiosendungen hörte, ahnte wohl, dass Hitlers Ruf nichts Gutes zu bedeuten habe. Vor allem aber hing er an seinem Hof, seinem Vieh, seinen Wiesen und Feldern, seiner kleinen „Hoamat“ eben, wie der Bauernhof im Dialekt auch genannt wurde. Wäre mein Großvater damals weggegangen, hätte das Leben seiner Familie wohl eine ganz andere Richtung eingeschlagen. Möglicherweise wäre er, so wie viele andere Auswanderer auch, in einer ganz anderen „Heimat“ hängen geblieben, nämlich in der „Neuen Heimat“. Denn ein 1939/40 gegründeter Bauträger dieses Namens zog in zahlreichen Orten vor allem Westösterreichs, etwa in Salzburg, Innsbruck oder Dornbirn, sogenannte Südtirolersiedlungen hoch, die den Tausenden Umsiedlern Wohnraum boten.

Das ist drin:

  • 0 Minuten
  • 0 Wörter

Sie sind bereits Abonnent?

Klicken Sie hier, um sich einzuloggen

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2016)

Meistgelesen