Ich spreche keine Sprache nicht

Wer ist Chaim Soutine? Der verdammte Maler oder: Exkursion eines Bilderschauers in die Welt des „peintre maudit“.

(c) Reuters (Kim Kyung-Hoon)

1. Chaim Soutine wurde 1893 als zehntesvon elf Kindern eines armen jüdischen Flickschneiders in Smilowitchi, einem litauischenDorf in der Nähe von Minsk, geboren. Smilowitchi, in dem 4000 Einwohner, zum Großteil Juden, lebten, bestand aus einer tristen Ansammlung baufälliger Häuser. Durch ein Fenster seines Elternhauses konnte man vonder Straße aus Chaims Vater, Zalman Soutine, Tag und Nacht in einer buddhaähnlichenSitzhaltung bei seinen Flickarbeiten sehen. Seine Mutter soll früh gealtert, immer voller Sorgen, vollkommen schweigsam und mit ihrem Haushalt und mit den elf Kindern ständig überfordert gewesen sein. Besonders freitags, wenn sie das Brot für die ganze Woche backen musste, hagelte es aus ihren mehligen Händen Schläge. Im Alter von 13 Jahren machte Chaim, das Kind orthodoxer Juden, zum Zorn seiner Eltern und Geschwister auf allen möglichen Papierfetzen, die ihm zwischen die Finger kamen, Zeichnungen und Skizzen und bemalte die Wände des Hauses mit Holzkohle. Für diese Schandtat wurde das Kind von seinen älteren Brüdern verprügelt mit den Worten: „Juden dürfen nicht malen!“, denn Zeichnen und Malen waren in derorthodoxen Gemeinde ketzerisch und galtenals schwere Sünde und Blasphemie. Wenn die betenden Gläubigen im Tempel des Schtetls aufgefordert wurden, in Ehrfurcht vor Gott den Kopf zu senken, hob der rebellische Chaim sein Haupt. Vor seinen gewalttätigen Brüdern versteckte er sich in den Wäldern und ließ sich erst blicken, wenn ihn der Hunger nach Hause trieb. Sobald er wieder in der Küche auftauchte, um sich mit Proviant zu versorgen – Milch und frisches, warmes Schwarzbrot –, wurde er von seinen Geschwistern verhauen. Um Zeichenkreide kaufen zu können, veräußerte er aus dem Haushalt ein Küchenmesser und wurde dafür zur Strafe in den Keller, bei anderer Gelegenheit in den Hühnerstall gesperrt.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2009)

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