Das Dorf an der GRENZE

Eine Welt für sich. 2000 Menschen, die meisten tschechischsprachig, obwohl sie im Erzherzogtum Österreich unter der Enns leben. Und plötzlich ist von einer neuen Heimat die Rede, einer Republik namens Deutschösterreich. Rabensburg an der Thaya 1918/19: Lokalbericht von einer Zeitenwende.

Man wurde auf die neue Zeit eingeschworen. Die Hauptstraße von Rabensburg, um 1918.
Man wurde auf die neue Zeit eingeschworen. Die Hauptstraße von Rabensburg, um 1918.
Man wurde auf die neue Zeit eingeschworen. Die Hauptstraße von Rabensburg, um 1918. – (c) Archiv des Museums Rabensburg

Weltuntergänge, Revolutionen und Katastrophen schienen zu Jahresende 1918 alltäglich. Das sollte man auch in dem kleinen Weinviertler Ort Rabensburg erfahren. Einer Welt für sich, ein Kaff, würden die Großstädter vielleicht abschätzig sagen. An die 2000 Menschen bevölkerten den Ort, der in dem Jahr, in dem diese Erzählung beginnt, fast doppelt so groß war wie heute. Nicht an Häusern, wohl aber an Bewohnern. Anspruchslose Männer, Frauen und Kinder, die sich in einem großteils dem regierenden Fürsten, Johann II. von und zu Liechtenstein, gehörenden Gebiet durchs Leben schlugen. Die meisten waren katholisch, die anderen Protestanten und einige wenige – wie es damals hieß – mosaisch. Sie verdienten ihr tägliches Brot als Bauern, Taglöhner und Arbeiter.

Aber da gab es noch andere, die für die „Herrschaft“ auf deren Gütern arbeiteten, oder auch bei der k. k. Nordbahn Dienst versahen. Die Bahn hatte überhaupt einen starken Wandel bewirkt, denn aus einem fast ausschließlich von Bauern geprägten Dorf, das seine Insignien „C(ommune) R(abensburg)“ auch in die Ziegel brannte, war eine kleine Eisenbahnersiedlung geworden. Und die Lokführer, Streckenarbeiter, Heizer und Schmierer – das waren schon Leute, die ein wenig mehr von der Welt gesehen hatten und von ihr wussten. Von den Schaffnern ganz zu schweigen, denn das waren „Herren“.

Rund 80 Prozent der Menschen sprachen tschechisch oder verstanden es zumindest, obwohl sie nicht in der Grafschaft Mähren, sondern im Erzherzogtum Österreich unter der Enns lebten. Der Ort galt denn auch als tschechisch. Das merkte man spätestens bei den diversen Kirchtagen und anderen Festen, wenn es zu Raufereien kam. Denn die fünf Kilometer entfernt wohnenden Bernhardsthaler waren Deutsche. Also ließ sich wunderbar streiten und der im Großen und Ganzen nicht sehr virulente Nationalitätenkonflikt zumindest im Kleinen austoben. Da fluchte dann jeder auf seine Weise und in der ihm am geläufigsten Sprache. Der leicht singende Sprechstil der Rabensburger war auch in der Kirche zu hören, die der Heiligen Helena geweiht war und zur Erzdiözese Wien gehörte. In der Dorfkirche, bei den Prozessionen und auch bei der im Norden des Orts gelegenen Feldkapelle wurde Messe gefeiert und gebetet: um das Ende des Kriegs, für die Gesundheit und das Wohlergehen des Kaisers, Karls I., und natürlich darum, dass die Väter und Söhne, die im Krieg waren, irgendwann gesund nach Hause kommen mögen.

Der Krieg hatte den Ort anders werden lassen. Die Herrschaft, die Liechtensteiner, hatte plötzlich weit weniger Bauern, die Felder bewirtschaften konnten. Doch zur Not ging es. Das mit der Not bekam allerdings im Lauf des Großen Kriegs einen anderen Beigeschmack, denn auch auf dem Land gingen die Lebensmittel aus und wurde vieles, das für die bedürfnislosesten Menschen selbstverständlich war, zur Seltenheit. Die Gasthäuser mussten an Wochentagen um elf Uhr und am Sonntag um zwölf Uhr geschlossen werden. Immer weniger Kinder gingen in die Schule. In der fünften Klasse fehlten drei Viertel der Schüler, und die Leute sagten ganz offen: „Gebt unseren Kindern Brot, dann schicken wir sie in die Schule.“

Für die Kinder gab es aber auch außerhalb der Schule Beschäftigung. Sie sammelten Erdbeer- und Brombeerblätter zur Viehfütterung oder mussten in den Auen jenseits der Thaya Brennnesseln schneiden, dann trocknen und schließlich die Blätter abrebeln, damit nur die Stängel übrig blieben. Aus den Fasern wurden Stoffe hergestellt, zunächst für die Soldaten, dann aber auch für die Leute im Dorf, die aus den Brennnesseln nicht nur Textilien für Bekleidung, sondern auch Decken und Spinnwaren herstellten. Kratzende, wenig wärmende und in der Nässe rasch schrumpfende Tuchfetzen.

Aufgrund extremer Trockenheit fiel das Obst von den Bäumen. Weit und breit zeigte sich kein Bienenschwarm, daher gab es auch keinen Honig. Milch wurde trotz der Bewirtschaftung immer rarer. Dabei gab es Ende 1918 unter den gezählten 454 Rindern 245 Milchkühe. Da die Gemeinde 1917 zu wenig Getreide abgeliefert hatte, wurde 1918 ein Zwangsdrusch unter militärischer Assistenz angeordnet. Das Ergebnis war jedoch bescheiden. Die Soldaten der Druschkompanie waren ausgehungerte Leute, die sich bestechen ließen, so dass die Bauern ungeschoren davonkamen.

Obwohl man das Kriegsende buchstäblich riechen konnte, wurde noch immer so getan, als ob es ewig so weiterginge mit dem Kämpfen. Noch im Sommer und Herbst 1918 wurde Geld investiert, um den Krieg zu finanzieren. Viel war es zwar nicht, was da im Rahmen der achten Kriegsanleihe gezeichnet wurde, doch 30.000 Kronen immer noch. Und dann wurden Teile der Kirchenorgel abmontiert, um Zinn zu gewinnen, und ein Teil des Graserlöses dazu verwendet, 10.000 Kronen in eine Staatsanleihe mit sechsjähriger Laufzeit zu investieren. Anleihen waren höher verzinst als Sparbücher. Also legte die Gemeinde auch die letzten paar Kronen in Wertpapieren an. Letztlich war es patriotische Pflicht.

Weiterhin wurden Stellungskundmachungen plakatiert, mit denen die 18-jährigen Burschen zur Musterung nach Mistelbach beordert wurden. Wenig später waren die Tauglichen eingekleidet und den Ersatztruppenkörpern zugewiesen, Die einen kamen zum Infanterieregiment Nummer 84, „Arthur Freiherr von Bolfras“, andere zum k. k. Landwehrinfanterieregiment Nummer 24, zu den „95ern“, zu den Pionieren oder wo immer hin, sei's Front, sei's Hinterland.

Von den meisten Truppenkörpern, die 1914 mit klingendem Spiel ausgerückt waren, war freilich nicht mehr viel übrig geblieben, nachdem sie in Russland und Italien an den Brennpunkten des Kriegs eingesetzt gewesen waren. Und viele von denen, die in Galizien, Wolhynien und am Isonzo gekämpft hatten, waren dort verblutet. Andere waren als Verwundete und Krüppel heimgekommen. Wo sie gewesen waren und was sie erlebt hatten, erfuhr man erst nach und nach, denn noch im Oktober 1918 waren die Tagesmeldungen des k. u. k. Armeeoberkommandos einerseits die wichtigste, anderseits die schlechteste Informationsquelle – und besagten letztlich nichts. „An dem unerschütterlichen Widerstand unserer Truppen scheiterten alle Anstrengungen der Italiener“, hieß es da. Stehsätze ohne Aussage. Sofern jemand in diesem Dorf an der Grenze eine Zeitung bezog, war er auch nicht besser informiert, denn die meist gelesene „Niederösterreichische Volks- und Vereinszeitung“ hinkte mit ihren Informationen den Geschehnissen bis zu einer Woche nach. Da wurden im benachbarten Hohenau Deserteure aufgegriffen, von denen einer beim Versuch zu fliehen erschossen wurde. Die Spanische Grippe wütete unter den geschwächten Menschen, und es gab so gut wie nichts, sie zu bekämpfen. Ein Arzt diagnostizierte, dass die Krankheit auf ein besonders die Blutgefäße schädigendes Gift zurückzuführen sei, das lähmend wirke, worauf es zu Blutaustritten aus den kleinsten Gefäßen komme. Es bildeten sich zahlreiche Eiterherde, gegen die es nur eines gebe: Bettruhe und die Anwendung eines Kreuzwickels. (Gesundbeten wäre auch eine Heilungsmethode gewesen).

Im Oktober 1918 brach eine neue Zeit an. Kaiser Karl wandte sich am 16. Oktober wie schon mehrfach zuvor an „Seine“ Völker, allerdings nur mehr an die in der österreichischen Reichshälfte, und stellte ihnen frei, welchen Weg sie in Zukunft gehen wollten. Drei Tage, nachdem sich im niederösterreichischen Landhaus die provisorische Staatsregierung Deutschösterreichs konstituiert hatte, erfuhr man auch im nördlichen Weinviertel davon und konnte nachlesen, dass die Provisorische Nationalversammlung am 30. Oktober das provisorische Grundgesetz des neuen deutschösterreichischen Staates verabschiedet hatte und dass ein Staatsrat gebildet worden war, der nunmehr die Regierungs- und Vollzugsgewalt in Deutschösterreich übernehmen sollte.

Man wurde auf die neue Zeit eingeschworen. Und der katholische Klerus tat sein Möglichstes, um die Gläubigen zu beruhigen. Wie vom Kardinal-Erzbischof von Wien gewünscht, verlas der Pfarradministrator von Rabensburg, der Malteser Franz Ibl, von der Kanzel der Helenen-Kirche einige Tage später einen Hirtenbrief, in dem mitgeteilt wurde, dass der Kaiser auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften verzichtet und der deutschösterreichische Staatsrat alle vorher dem Kaiser zugestandenen Rechte übernommen habe. Folglich seien die Gläubigen „zur unbedingten Treue gegenüber dem nun rechtmäßig bestehenden Staate Deutschösterreich zu ermahnen“. Der Klerus werde sich der aus dem Feld oft verbittert heimkehrenden Soldaten annehmen müssen: „Ein wohl mühevolles, aber auch segensreiches Stück Seelsorgearbeit, das den Heimgekehrten schon ob ihrer unvergesslichen Verdienste um die Erhaltung der heimatlichen Scholle nicht vorenthalten werden sollte.“

Allen Ermahnungen zum Trotz zeigten sich aber auch in unserem Dorf an der Grenze Ansätze einer Revolution. Plötzlich schien unter den „verbittert heimkehrenden Soldaten“ nur mehr die Gewalt zu regieren. Wie schon im benachbarten Hohenau in den ersten Novembertagen wurden in der Nacht vom 4. auf den 5. November Geschäfte geplündert, wurde geraubt und quer durch den Ort randaliert. Die Rabauken kannten sich wohl aus, denn die verwüsteten und geplünderten Geschäfte gehörten zwei jüdischen Kaufleuten, von denen a priori angenommen wurde, dass sie sich vom Militär gedrückt und statt dessen während des Kriegs ihren Wohlstand vermehrt hätten. Da man schon dabei war, wurde auch gleich allen Besitzenden der Krieg erklärt. Die Anführer der Schar sollten zwar verhaftet werden, drehten aber den Spieß um und nahmen den Bürgermeister, Josef Weilinger, als Geisel. Er musste stante pede eine außerordentliche Gemeinderatssitzung einberufen, die zeigen sollte, wer nunmehr das Sagen hatte. Die bewaffnete Schar erklärte sich zur „Ständigen Bereitschaft der bereits gegründeten Volkswehr“, konnte aber bestenfalls als „Rote Garde“ bezeichnet werden, und sie funktionierte den Gemeinderat zu einem Tribunal um. Der ganze Frust, Zorn über die vergeudeten Jahre und die Absicht, sich schadlos zu halten, schlugen durch. Die Forderungen der Aufrührer liefen auf eine lokale bolschewistische Machtübernahme hinaus. Da sollte wohl ein kleines Paradies für Arbeiter und Bauern entstehen, wobei Letztere eigentlich zu den Feindbildern zählten, ebenso wie der im nicht so fernen Feldsberg residierende Fürst Johann II. von und zu Liechtenstein, genannt „der Gute“.

Was unter „Krieg den Besitzenden“ zu verstehen war, erfuhren Bürgermeister und Gemeinderäte im Handumdrehen. Als Erstes proklamierte man Umverteilung. Eine Kommission sollte von Haus zu Haus gehen und versteckte Lebensmittel aufspüren und requirieren. Jeder Bewohner sollte ein bescheidenes Quantum Mehl und Fleisch bekommen. Die „Ständige Bereitschaft“ billigte sich selbst klarerweise erheblich mehr zu. Auch eine Viehaufnahme wurde verfügt. Dann wurde noch gefordert, dass es eine Bürgerwehr geben und die „Ständige Bereitschaft“ um 32 heimgekehrte Soldaten vermehrt werden sollte. Alle Macht den lokalen Sowjets. Und der Volksschullehrer, der das alles getreulich für die Nachwelt aufschrieb, fügte gedankenvoll hinzu: „Ob man da nicht den Bock zum Gärtner gemacht hat?“ Er sollte mehr als recht behalten. In Kürze herrschte das Chaos. Die „Ständige Bereitschaft“ plünderte nach Belieben, wilderte in den Auen und zeigte, wer die Macht hatte. Da der Bürgermeister aus Eigenem nicht mehr in der Lage war, dem Treiben ein Ende zu bereiten, sollte eine „fremde Macht“ eingreifen. Eine Abordnung fuhr wohl heimlich nach Wien, um im Staatsamt für Heerwesen über die unhaltbaren Zustände zu berichten und um Hilfe zu bitten. Die Nachrichten aus Rabensburg stimmten mit denen überein, die auch aus den Orten der Umgebung kamen. Es wurde – wie es dann in einem Vortrag an den Staatsrat hieß – „seit Tagen geraubt, gemordet und geplündert“.

Hilfe wurde zugesagt. Sie kam nicht sofort, doch schließlich effektiv. Reguläre Volkswehreinheiten wurden in Marsch gesetzt. „In der Stunde höchster Not“, notierte der Volksschullehrer in der Schulchronik, kamen Volkswehrmänner aus Hohenau, Zistersdorf, Drösing und Ringelsdorf und „machten reinen Tisch“. Die selbst ernannten Anführer der „Ständigen Bereitschaft“ wurden verhaftet, verhört und angezeigt. Da sie sich aber als Teil der Volkswehr bezeichnet hatten und kein Mord auf ihr Konto ging, wurden sie gleich darauf auf freien Fuß gesetzt.

Jetzt konnte man sich anderen Dingen zuwenden. Weihnachtsfrieden gab es dennoch nicht. Alles war noch provisorisch, die Grenzen ebenso wie die Staats- und die Landesregierungen. Um wenigstens die Zukunft in einem rosigen Licht erscheinen zu lassen, setzte man schon in der Volksschule an und verteilte Lesebögen, die ein wenig nach Indoktrination aussahen: „Manches von dem, was die großen Leute jetzt reden, versteht ihr am Ende doch noch nicht“, konnte man da lesen. „Da sagen sie jetzt: Nun ist unser Vaterland Österreich – nein, Deutschösterreich heißen sie es jetzt –, nun ist Deutschösterreich eine Republik, und wir sind Republikaner. Was das wohl heißen mag? Kein Einzelner soll uns etwas vorschreiben können, sondern das wollen wir tun, was die Mehrheit von uns für gut hält. Ja, aber wir sind doch zehn Millionen Menschen in Deutschösterreich. Sollen die immer gefragt werden, was sie wollen? Gewiss nicht, denn das wäre zu umständlich. Drum wählen die zehn Millionen Menschen von Zeit zu Zeit Leute, zu denen sie Vertrauen haben. Diese Leute machen die Gesetze, nach denen wir alle uns richten müssen. So macht man es in einer Republik . . . Wenn ihr groß werdet, soll unser liebes Deutschösterreich wieder ein glückliches Land sein, und ihr sollt stolz sein können auf euer Vaterland.“

Das mit den zehn Millionen Menschen leitete sich zwar aus den Beschlüssen der Provisorischen Nationalversammlung und dem ebenso provisorischen Gesetz über das Staatsgebiet ab, doch gerade in Rabensburg musste man so seine Zweifel haben. Denn was da so mir nichts dir nichts als Teil Deutschösterreichs bezeichnet wurde und das südböhmische ebenso wie das an das Weinviertel grenzende südmährische Gebiet einbezog, war fest in tschechischer Hand. In Lundenburg und an der von den Tschechen beanspruchten Grenze, die nicht mit der Kronlandsgrenze übereinstimmte, sondern durch das nördliche Niederösterreich verlief, stand tschechisches Militär. Und wer gezwungen war, die Grenze zu passieren, wusste nur zu gut, wie mühsam das Reisen von hüben nach drüben geworden war. Da brauchte man einen Pass, den es mit großem Aufwand zu besorgen galt, in den Zollstationen gab es endlose Aufenthalte, schikanöse Kontrollen und neuerliche Aufenthalte, einmal auf der einen, dann auf der anderen Seite der neuen – provisorischen – Grenze. Und nicht einmal diese Grenze schien sicher. Gerüchte machten die Runde. Zu Anfang des Jahres meldete das „Fremdenblatt“, tschechische Einheiten hätten Rabensburg und Hohenau besetzt. Prompt protestierte die Regierung in Wien bei Neutralen und Siegermächten und verlangte Volksabstimmungen. Es war jedoch eine Falschmeldung gewesen. Aus Paris hieß es, die neuen Grenzen würden in der französischen Hauptstadt auf einer Friedenskonferenz gezogen.

Da kam das nächste Gerücht auf. Die Tschechen würden auf Feldsberg und Garschönthal (?valy bei Feldsberg) verzichten, wenn sie dafür Bernhardsthal, Rabensburg und Reintal bekämen. Das wurde damit zu begründen gesucht, dass die Orte tschechisch seien. Das Dementi kam sofort: Nur Knechte und Stallmägde seien Tschechen, doch die seien keine Ortsansässigen, sondern gehörten zur „fluktuierenden Bevölkerung“. Aber wer konnte schon wissen, was alles sein würde? Der tschechische Außenminister Edvard Beneš ventilierte ja schon seit einiger Zeit die Möglichkeit der Schaffung eines slawischen Korridors von den Nord- zu den Südslawen über niederösterreichisches und deutsch-westungarisches Gebiet hinweg. Wer, so fragte man sich auch im Dorf an der Grenze, könnte eventuell als Fürsprecher gewonnen werden?

Am ehesten setzte man auf Fürst Johann II. und wusste nicht, dass sich der Prinz seinerseits mit tschechischen Forderungen herumschlug, dass sein Schloss mit dem einzigartigen Park in Eisgrub unter einem Vorwand von tschechischem Militär besetzt worden war und auch Feldsberg die Einquartierung drohte. Die Regierung in Prag vertrat sogar den Standpunkt, der ganze liechtensteinische Besitz in Böhmen, Mähren und Schlesien wäre nach der Schlacht am Weißen Berg 1620 unrecht erworben worden. Zwar hieß es auch in diesem Fall: Die Grenzen werden erst in Paris gezogen. Doch so viel war klar: Johann II., für den die Prager Regierung die subtile Formulierung „ehemaliger Fürst“ verwendete, würde sich nicht zum Fürsprech eignen. Also hieß es abzuwarten, wie es weitergehen würde, galt es, deutschsprechende Menschen aufzunehmen, die vornehmlich aus Lundenburg kamen und nach Deutschösterreich flohen. Sie waren plötzlich Fremde in der Heimat.

Da die Lage nun einmal war, wie sie war, beschloss der Rabensburger Gemeinderat, die erste deutschösterreichische Staatsanleihe mit 20.000 Kronen zu zeichnen. Es war um ein Drittel weniger, als man bei der letzten Kriegsanleihe des kaiserlichen Österreich gezeichnet hatte, doch immer noch viel. Mittlerweile hatte man begonnen, die Kronennoten abzustempeln, so wie das Südslawen und Tschechen schon seit Jahresbeginn taten, um zu verhindern, dass Banknoten in großen Mengen nach Deutschösterreich geschmuggelt wurden. Die Züge verkehrten, und die Bauern taten das, was sie schon immer getan hatten: Sie bestellten die Felder und hüteten das Vieh. Die Wiesen jenseits der Thaya waren freilich unerreichbar geworden, folglich gab es weniger Weideflächen.

Bald einmal, im Februar 1919, sollte es Wahlen für eine konstituierende Nationalversammlung geben. Erstmals sollten auch die weiblichen Bewohner des Dorfs wählen dürfen. Sie zeigten kein besonderes Interesse. Schließlich musste man ja nicht jede Neuerung mitmachen. Es war ohnedies so viel anders geworden, dass einem regelrecht schwindlig werden konnte. Vielen ging es so. Man sollte sich halt zurechtfinden, hieß es, und gegen die Vergangenheit ankämpfen. Nicht allen ist es gelungen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2018)

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