Alte Meister, neue Schelme

Ein Urinal, Suppendosen, Leitz-Ordner – mit anderen Worten: Kunst. Oder auch: ein Raum voller Anspielungen, in den wir deutend eintreten können. Wie Kunst entsteht.

Den künstlerischen Akt auf den Auswahlakt verkürzt: „Fountain“, Marcel Duchamp.
Den künstlerischen Akt auf den Auswahlakt verkürzt: „Fountain“, Marcel Duchamp.
Den künstlerischen Akt auf den Auswahlakt verkürzt: „Fountain“, Marcel Duchamp. – (c) EPA (Handout Tate Britain)

Marcel Duchamp nahm eine dieser weißen Pissschalen, wie sie auf Herrentoiletten zu finden sind, signierte sie, gab dem Werk den Titel „Fountain“ und stellte es aus. In der Folge nahm Andy Warhol Suppendosen von „Campell“, fotografierte sie, brachte die Fotos mithilfe der Siebdrucktechnik auf Leinwände auf, signierte sie und stellte sie unter dem Namen, den sie ohnehin schon trugen, nun zum Titel umfunktioniert, aus. In Folge ging er dazu über, die Originalfarben zu verfremden, also zum Verfremdungsschritt der Fotografie einen weiteren hinzuzufügen. In Folge sammelte Dieter Roth diverses Verpackungsmaterial, so weit es sich auf zwei Dimensionen zusammenpressen ließ oder diese schon hatte, legte es in Klarsichtfolien ein, die er in Leitz-Ordnern sammelte, nannte das Werk „Flacher Abfall“ und stellte es aus. Im Gegensatz zu Warhol bearbeitete/verfremdete er das Ausgangsmaterial nicht, im Gegensatz zu Duchamp wählte er das Ausgangsmaterial nach ästhetischen Kriterien aus. Duchamp war derjenige, der den künstlerischen Akt auf den Auswahlakt verkürzte und sich die Freiheit nahm, das so entstandene Werk als Kunstwerk vorzustellen. Was Warhol vorstellt, ist Duchamp plus Design. Was Roth vorstellt, ist seriell hergestellter Duchamp, ein wenig ästhetisiert und mit einem Augenzwinkern dazu: Duchamp tritt mit dem Ernst der alten Meister auf, Roth mit dem, freilich gespielten, Unernst des Schelms.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2019)

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