Der Mann

Bildbetrachtung I: Humanismus, vergangen und präsent.

Zum geringsten Teil kann ich sagen, was auf dem Bild zu sehen ist: angeblich oder sicher ein gewisser Jacob Ziegler. Zum größten Teil muss ich sagen, was ich in das Bild hineinsehen kann – Projektion ist das Geschäft des unwissenschaftlichen Betrachters. So ein Betrachter will ohne prinzipielle Behauptungen nicht auskommen, und ich behaupte, dass im Laufe der Geschichte hinter allen Abbildungen von menschlichem Sein und Treiben eine Frage existiert – „existiert“ heißt: aus dem Verlauf, aus dieser elenden und zugleich tröstlichen Vergänglichkeit herausragt, und diese Frage lautet: „Was ist der Mensch?“

Der Mensch ist ein Einzelner, immer ein bestimmter Mensch – auch jenseits des Individualismus, dieser demonstrativen und vergeblichen Pflege der Einzelheit. Der Mensch ist also unter anderem auch ein Jacob Ziegler (gewesen), von dem man erfahss0;-1ren kann, dass er von/bis lebte.

Ja, und da stehe ich im Kunsthistorischen Museum, wir haben das 21. Jahrhundert, und ich sehe einem längst verstorbenen Mann ins Gesicht, und ich weiß, dass es nicht sein Gesicht ist, das ich sehe, sondern das Bild seines Gesichtes. So abgebrüht muss heutzutage ein jeder sein, dass er ein Bild nicht mit dem Abgebildeten verwechselt.

Die Geschichte und die Arten, sie zu überliefern. Frage: Funktioniert die Überlieferung nicht immer so, dass am Ende keiner sterben soll, dass am Ende keiner gestorben sein soll? Überlieferung als schwache, niemals ausreichende Frischhaltepackung der Wesen, des Wesentlichen und der Verwesung. Das Gedächtnis hält potenziell (der Möglichkeit nach) alles fest. Selbst die anonymen und namenlosen Toten stehen, da sie Geschichte sind, als anonym und namenlos zu Buche, im Buche. Sie sind in die Geschichte eingegangen.

Aber dafür, dass einer namentlich überliefert wird, genügt seine bloße Einzelheit selten – er muss in seinem Dasein schon etwas Generelles gewesen sein, eine Bestimmung gehabt haben, damit man sich seiner im Besonderen erinnert, und Jacob Ziegler – das kann man leicht in Erfahrung bringen – lebte von 1470 oder 71 bis 1549, und Jacob Ziegler war: Humanist. Einsam ist er im Bild, und sein Name ist im Bild über ihn verhängt zusammen mit seinem Herkunftsort Landau. Der Bildhintergrund ist beinahe bedeutungslos, es geht ja darum, das Menschliche zu zeigen. Der gezeigte Mann im Vordergrund hat eine kühle – eine kühle, nein, keine kalte – Präsenz. Jacob Ziegler – das darf man aus der Schule plaudern – hat an den Kämpfen seiner Zeit teilgenommen: Er war Humanist und Theologe – die Farbe Schwarz kleidet ihn gut; er war katholisch – zeitweilig stand er dem Protestantismus nahe.

Im 21. Jahrhundert, da auch der Humanismus nicht mehr ist, was er einmal war (und vielleicht sowieso niemals gewesen ist), ist jeder unwissenschaftliche Betrachter wenigstens ein Psychologe und erkennt gleich an den Händen des Porträtierten eine Wahrheit: Diese Hände sind nicht ausgestreckt, sondern einander in einem symmetrischen Kreuz verbunden – der schwarze Rock als Zwangsjacke –, die rechte Hand ist fast locker, die Linke hingegen ist fast verkrampft, eingekrampft. Der Mann reicht uns die Hände nicht, und Huber, sein Maler, hatte wahrscheinlich alle Hände voll damit zu tun, um die Frage „Was ist der Mensch, und wer war Jacob Ziegler?“ mit Würde zu beantworten.

Hubers Kunst lautet: Realismus und Würde, und der Mann auf dem Bild ist würdevoll, ohne aufzutrumpfen, ohne zu protzen. Ich sehe in das Bild eine leichte Traurigkeit hinein, keine Schwermut, aber auch keine Heiterkeit, denn ein Leben, in dem man seine Würde bewahren will (bewahren muss), ist nicht heiter. Es ist die Trauer der Erfahrung. In dem Mann ist nichts vom Kinde, das angeblich im Manne steckt. Jacob Ziegler ist ein Erwachsener, den grauen Bart und das graue Haupthaar hat er sich verdient, er trägt sie zu Recht, aber was im Bilde das gelebte Leben präsentiert (und was nur am Original und niemals an einem Abbild des Originals zu sehen ist), das sind die Augen. Die Augen sind in meinen Augen die Kraftquelle des Bildes – erkennbar nur am Original!

Gegen die Theologie also folgende These: Wahr ist nur, was man auch sehen kann – mit Ausnahme der Sinnestäuschungen, denen man aber nicht zuletzt mit Hilfe der Sinne zu Leibe rücken wird. Ziegler war auch Mathematiker, Astronom, Geograf, also in Disziplinen geübt, in denen Theorie und Empirie miteinander verbunden sind, vielleicht so übers Kreuz wie seine Arme auf dem Portrait, aber immerhin.
Sieht man Jacob Ziegler, einem Mann aus der Zeit von Humanismus und Renaissance, in die Augen, könnte man auf die Idee kommen, dass Menschen am Ende nicht nur tot sind, sondern auch Bündnispartner – über die Jahrhunderte hinweg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2010)

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