Täter Arzt

Patienten brauchen ärztliche Hilfe. Was sie nicht brauchen, sind unheilschwangere Aufklärungsgespräche über banale oder auch marginale Risiken. Der Arzt, der Patient und die Grenzen der Mündigkeit: Warnung eines Mediziners.

An jedem Tag werden weltweit Tausende Menschen im Straßenverkehr verletzt oder sogar getötet. Die Komplikationsrate beim Autofahren ist nicht zu leugnen. Trotzdem steigt jeder von uns ohne langes Nachdenken ins Auto. Stellen Sie sich aber nun einmal vor, Sie müssten vor jeder Teilnahme am Verkehr einen detaillierten Risikofragebogen ausfüllen, sich die Todesquote entlang Ihrer geplanten Route vor Augen halten, die diversen Verletzungsrisken bedenken, Ihre persönliche Risikobereitschaft einberechnen und Ihre eventuelle Unfallvergangenheit auflisten. Sie würden das Autofahren wohl bald bleiben lassen, zumindest würden Sie ein ziemlich unangenehmes Gefühl dabei haben. Als mündiger Bürger sind Sie jedoch in der Lage, über die ungefähren Risken des Straßenverkehrs Bescheid zu wissen. Sie nehmen diese daher ohne eingehende Anweisungen und Überprüfungen auf sich. Und niemand drängt Sie, sich vor einer Autoreise von einem Risikoberater die Wahrscheinlichkeit Ihres Überlebens berechnen zu lassen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2010)

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