Die offene Rechnung

Nach der Wahl eines Afroamerikaners zum US-Präsidenten hat sich bei Völkern der südlichen Hemisphäre der Hass auf den Westen verstärkt. Das verwundete Gedächtnis dieser Völker ist heute mehr denn je: revolutionär.

(c) EPA (PETER FOLEY)

Der Tag war kalt. Zaghaft drang die Sonne durch die Wolken. Die Pennsylvania Avenue war schwarz von Menschen. Vorder Westfront des Kapitols hatte man eine Bühne aufgeschlagen und sie mit den US-Farben geschmückt. Ein hochgewachsener Mann von 48 Jahren, mit dunklem Teint und klarem Blick, in einen nachtblauen Mantel gehüllt, trat in die Mitte der Bühne. Der Präsident des Obersten Gerichts verlas die Eidesformel. Barack Obama sprachsie nach. An seiner Seite standen seine Frau Michelle und die beiden kleinen Töchter Sasha und Malia. Michelles Urgroßvater hießDolphus Shields. Er wurde 1859 als Sklave auf einer Baumwollplantage in South Caroli- na geboren. In der unabsehbaren Menschenmenge, die sich vor dem Kapitol und entlang der Pennsylvania Avenue drängte, hatten viele Tränen in den Augen. Man schrieb Mittwoch, den 20. Jänner 2009.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2011)

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