Mehr als nur ein Hauch der Fußball-WM

Österreichs Fußballer feiern Tests gegen Deutschland und Brasilien, Österreichs Politiker scheitern beim Elfmeter.

Am Sonntag beginnt in Österreich bereits die Fußball-WM. Ab dann drehen wieder die Panini-Sticker ihre Runden. Seit der WM 1970 in Mexiko bringt die italienische Firma zu jeder WM das Sammelalbum heraus. 2018 ist es mit 80 Seiten für 682 Sticker größer, allerdings auch teurer denn je: 90 Cent kostet ein Packerl mit fünf Pickerln.

Glaubt man den PR-Strategen der Firma, ist Österreich Sammelweltmeister. Global sieht der Konzern Rekordweltmeister Brasilien in Front, in Europa sei Titelverteidiger Deutschland Nummer 1. Ob es bloß Zufall ist, dass das ÖFB-Team im Juni gegen diese Kapazunder spielen wird?

So sehr der ÖFB für patscherte Funktionärsauftritte oder Cup-Ansetzungen kritisiert worden ist, so sehr muss man Leo Windtner und alle in den operativen Bereich eingebundenen Beteiligten nun gesondert loben. WM-Generalproben gegen den Veranstalter (Russland, 30. Mai Innsbruck), Deutschland (2. Juni, Klagenfurt) und die Seleção (10. Juni, Wien) an Land zu ziehen, ist ein Hattrick.

Tests gegen Müller und Neymar lassen kurz den Schmerz vergessen, dass das Team seit 1998 nicht mehr bei der WM mitspielt. Es ist zugleich auch ein Gradmesser für Teamchef Franco Foda. Wie spielt man gegen solche Größen, was lernt man? Auf welcher Position ist David Alaba tatsächlich für die Nations League besser aufgehoben? Tests gegen Slowenien (Freitag, 20.45 Uhr, Klagenfurt) oder Luxemburg sind nur der Aufgalopp.

Der Hauch der großen Fußballwelt lässt träumen, sollte aber Österreichs Politik in der Realität endlich in Bewegung setzen. Die Notwendigkeit des Stadionneubaus darf nicht länger schlechtgeredet, der Denkmalschutz als fadenscheinige Ausrede vorgeschoben werden. Es ist doch ein Elfmeter, worauf wartet die Stadt Wien? Dass dem so diplomatisch agierenden ÖFB doch der Geduldsfaden reißt im Dialog über Länderspiele in Wien?

Die Fiktion, dass Österreichs Fußballteam – auch aus Kostengründen – künftig nicht mehr im Prater spielen wird, ist keineswegs absurd. Dann könnten sich Lokalpolitiker und Wiener Fans Highlights wie gegen Brasilien oder emotionale Auftritte in erfolgreichen Qualifikationen fürwahr „aufpicken“. Auch ohne Panini-Album.

E-Mails an: markku.datler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2018)

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