Anstoss

Russlands Staatsfeind

Dopingaufdecker Hajo Seppelt fährt nicht zur WM. Grund: Sicherheitsbedenken.

Muss ein Journalist aufgrund von Sicherheitsbedenken eine Dienstreise, etwa zur Fußball-WM in Russland, absagen, herrscht Unbehagen. Trifft es wie im Fall des Deutschen Hajo Seppelt, er ist Dopingexperte des TV-Senders ARD, einen „Staatsfeind“, muss nachgedacht werden.

Durch Seppelts Recherche nach Aussagen von Grigori Rodtschenkow, dem ehemaligen Moskauer Laborleiter, waren Russlands Dopingmanipulationen erst richtig ans Tageslicht gekommen. Jetzt fährt er nicht zur WM? Wieso? Die Stille der Sportwelt irritiert.

Zuerst wurde dem 55-Jährigen das Visum verwehrt, nach internationalem Druck für die WM doch noch gewährt. Mit dem Verweis, dass er sich einem staatlichen Untersuchungskomitee stellen müsste und, offenbar als Zeuge, zu Dopingermittlungen einvernommen werde nach der Einreise.

Der ARD wurde von Deutschlands Außenminister über Risken und Sachlage nach Expertise des Bundeskriminalamts beraten. Die Sachlage: Rodtschenkow wird per internationalem Haftbefehl gesucht, Whistleblower wie Witali Stepanow und Julia Stepanowa leben an einem unbekannten Ort in den USA. Seppelt wurde mehrfach bedroht.

Wie aber reagierte der in Dopingfragen zumeist eher eigenwillig agierende Fußball-Weltverband Fifa? Vorerst gar nicht. Eine Reaktion des Weltverbandes der Sportjournalisten, AIPS, stand ebenso aus. Andere Vertretungen, Sportinstanzen? Es wurde geschwiegen, wie so oft.

Dass man Seppelts Absage als Einschüchterung auslegen könnte, lässt der Berliner nicht zu. Dann hätten seine Gegner gewonnen, wäre der Antidopingkampf verloren. Aber zu glauben, dass milliardenschwere Sportereignisse fortan nicht mehr in autokratischen Regimen oder Diktaturen stattfinden werden, weil die Pressefreiheit in Gefahr ist, wäre einfach nur naiv.

markku.datler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2018)

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