ÖFB-Krise: Die Suche nach dem starken Mann

Nach Sticklers Rücktritt hat der Machtkampf um die Nachfolge begonnen. Als mögliche Kandidaten sind Wolfgang Schüssel oder Susanne Riess-Passer durchaus denkbar.

(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Walter Luger)

Der Österreichische Fußball-Bund muss sich nach dem Rücktritt von Friedrich Stickler auf die Suche nach einem neuen Vorsitzenden machen. Der scheidende Präsident, der sich aus beruflichen Gründen zurückzieht, sieht das Ende der ehrenamtlichen Funktionäre. Daher fordert er die Einführung eines hauptamtlichen Chefs, wie es in Schweden, Spanien etc. üblich ist. Für Stickler war die Ausübung der Doppelfunktion bei den Lotterien und beim ÖFB nicht mehr unter einen Hut zu bringen, „über den Zeitpunkt des Rücktritts kann man diskutieren. Aber es hätte nie einen günstigen Zeitpunkt gegeben“.

Ursprünglich wollte Friedrich Stickler unmittelbar nach der Euro 08 den Sessel räumen, der Rücktritt von Teamchef Josef Hickersberger hat ihm dabei einen Strich durch die Rechnung gemacht. Komplett Führungslos wollte er den riesigen Verband dann auch nicht hinterlassen. „Aber habe ich für den ÖFB gearbeitet, hatte ich das Gefühl, meinen Arbeitgeber zu vernachlässigen, war ich bei den Lotterien eingespannt, hatte ich das Gefühl, mich nicht genug um den Fußball zu kümmern.“

Bis 18. Jänner soll nun ein geeigneter Nachfolger gefunden werden. Vorausgesetzt, das Wahlkomitee mit den neun Landespräsidenten und der Bundesliga-Präsident einigen sich rechtzeitig auf einen Kandidaten. Bis Dezember soll nun intensiv beraten, eine Statutenänderung vorbereitet werden.

Das Präsidium wäre gut beraten, ein Anforderugsprofil an den künftig starken Fußball-Mann zu erstellen, der interimistische ÖFB-Präsident Kurt Ehrenberger, 75, kann und darf keine Dauerlösung sein.

1. Sport-Diplomat und Repräsentant

Ein ÖFB-Präsident muss nicht nur seinen Verband nach außen vertreten, sondern er spielt auch eine Art Sport-Botschafter seines Landes. Ein Mann, der keine internationalen Kontakte hat, würde Rotweißrot noch mehr in die Bedeutungslosigkeit bzw. Isolation führen. Österreichs Fußball, international (Europacup, Endrunden) kaum vertreten, hat ohnedies bereits genug an Einfluss in Uefa und Fifa (Gremien, Schiedsrichterwesen etc.) verloren.

2. Wirtschaftliche Kompetenz

Der ÖFB muss als größter Sport-Verband nach streng wirtschaftlichen Gesichtspunkten geführt werden. In der derzeitigen Situation wäre wohl am ehesten ein Krisenmanager gefragt, Endrunden-Teilnahmen scheinen in naher Zukunft utopisch. Ohne Kontakte zur Wirtschaft werden à la longue Sponsoren nicht mehr an der Stange zu halten sein.

3. Politische Verbindungen

Auch der Fußball ist in „Reichshälften“ geteilt, die Politik mischt hierzulande in allen Verbänden gewaltig mit. Das ist beim ÖFB (Landesverbände) nicht anders. Wer diesbezügliche Berührungsängste hat, ist für das Präsidentenamt ungeeignet, er würde scheitern.

4. Sportliche Kompetenz

Erforderlich ist eine persönliche Beziehung zum Fußball, wer sich mit dem runden Leder nie beschäftigt hat, der wird mit der Problematik des österreichischen Kicks nie vertraut werden. Der ÖFB braucht einen starken Mann, der mit keinen Seilschaften in Verbindung gebracht werden kann, den Mut hat, notfalls keinen Stein auf dem anderen zu lassen. Österreichs Fußball braucht Reformen, alte Strukturen müssen aufgebrochen werden, um den ÖFB aus dem alten Fahrwasser führen zu können.

5. Mögliche Kandidaten

Von den neun Landespräsidenten kommt bei näherer Betrachtung kein einziger in Frage. Die Kritiker wurden vom Rücktritt Sticklers dermaßen überrascht, dass es ihnen die Red' verschlagen hat. Hinter vorgehaltener Hand gab es genug Kritik, Angriffe und Unmutsäußerungen, bei Abstimmungen aber hat alle stets der Mut verlassen.

Friedrich Stickler betonte, sich bei der Suche nach einem Nachfolger nicht einmischen zu wollen, stimmte aber ein Loblied auf seinen Generalsekretär an. Alfred „Gigi“ Ludwig kennt den ÖFB wie seine Westentasche, der Sprung auf den Präsidentensessel wäre nicht mehr allzu groß.

Karlheinz Kopf, acht Jahre lang Vorarlbergs Fußball-Präsident und ÖFB-Vize, hat bereits abgesagt. Kopf, stellvertretender Klubobmann und ÖVP-Hauptverhandler in Wirtschaftsfragen, sieht seine Zukunft logischerweise in der Politik.

Auch beim ÖFB ist man gerne nostalgisch, vor allem Generalsekretär Gigi Ludwig besinnt sich oft der erfolgreichen Euro-Kandidatur und deren Geburtshelfern. Es wäre nicht verwunderlich, würde er bald Susanne Riess-Passer (Wüstenrot) ins Spiel bringen. Nicht auszuschließen ist aber auch, dass sich Wolfgang Schüssel zur Verfügung stellt.

AUF EINEN BLICK

Präsidenten-Suche: Das Wahlkomitee mit den neun Fußball-Landesverbandspräsidenten und dem Bundesliga-Präsidenten will sich bis Ende Dezember auf einen Nachfolger von Friedrich Stickler einigen. Die Wahl soll am 18. Jänner stattfinden.

Als mögliche Kandidaten werden Alfred Ludwig (ÖFB-Generalsekretär), Günter Kaltenbrunner, Susanne Riess-Passer (Wüstenrot) und Wolfgang Schüssel gehandelt. Karlheinz Kopf hat bereits dankend abgelehnt, er bleibt lieber in der Politik.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2008)

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