Neuer ÖFB-Präsident: Kein Kandidat fürs Mittelmaß

Der 58-jährige Oberösterreicher Leo Windtner wird die Teamchef-Ära von Karel Brückner beenden. Aber das ist im heimischen Fußball nicht die einzige Baustelle.

(c) GEPA (Hans Oberlaender)

Leo Windtner ist im österreichischen Sport kein Unbekannter. Mit der Bestellung zum Nachfolger von Friedrich Stickler als ÖFB-Präsident wird der 58-Jährige aber alle bisherigen Funktionen zurücklegen: Er kann dem Klub seiner Heimatgemeinde St. Florian nicht mehr vorstehen, wird sich als Präsident des oberösterreichischen Fußballverbandes und des Skipools zurückziehen und er kann auch einige Funktionen in der Landessport-organisation nicht mehr wahrnehmen. Der Chef der Oberösterreich Energie AG freut sich auf das oberste Fußballamt, „aber es wird wohl sofort dem Pflichtgefühl weichen, weil die Erwartungshaltung groß ist und erfüllt werden muss“.

Der Wahlausschuss, der sich am 2. Februar auf Leo Windtner festgelegt hat, setzt trotz knapper Mehrheit (Stimmenverhältnis 6:4) Vertrauen in den neuen starken Mann. Dass sich der Manager in seiner Funktion als OÖ-Landesfürst selbst wählen konnte, hat aber doch für einige Diskussionen gesorgt. Vor allem im Wiener Verband hat man Windtner nicht forciert, Kurt Ehrenberger aber wird sich bei der außerordentlichen Bundeshauptversammlung im Wiener Hotel Intercontinental dennoch nicht der Stimme enthalten. Im Sommer will der 75-Jährige überhaupt abdanken.

 

Die verlorenen Tage

Auf den neuen ÖFB-Präsidenten warten einige Baustellen, der Arbeitsstopp in den vergangenen Monaten wirkte nicht nur lähmend, sondern war in der Gesamtheit unerträglich. Der Fußballbund war nicht in der Lage, Entscheidungen zu treffen – das war vermutlich auch das Glück von Teamchef Karel Brückner. Der alte Mann aus Olmütz scheut nach wie vor den Kontakt zu den heimischen Bundesligatrainern, auch an diesem Wochenende kommt er nicht auf Besuch. Der DVD-Freak verzichtet auf Live-Eindrücke, was in der Liga kollektives Kopfschütteln auslöst.

 

 

Der Stickler-Nachfolger hat vorerst bis 1. April, wenn Österreich in der WM-Qualifikation in Klagenfurt gegen Rumänien antritt, Durchhalteparolen ausgegeben. „Grundsätzlich haben wir vereinbart, dass wir nach dem Rumänien-Spiel analysieren“, so Windtner. Wobei jeder Tag der Brückner-Untätigkeit ein verlorener Tag für den rot-weiß-roten Fußball ist.

Der Vorstandsvorsitzende der Energie AG OÖ (1,2 Milliarden Euro Jahresumsatz) wird gern als „Mann der Tat“ bezeichnet. Was in der Wirtschaft gilt, das muss aber noch lange nicht im Sport Gültigkeit besitzen. Als einer der mächtigsten Landespräsidenten hat Windtner zwar immer wieder kritische Kommentare in Richtung Wien abgegeben, konstruktive Vorschläge waren aber kaum darunter. Im Oktober 2007 beispielsweise führte er die Anti-Hickersberger-Fraktion an, von Schicksalsspielen war die Rede. Zum damaligen Zeitpunkt war die populistische Forderung nach einem Köpferollen nicht gerade förderlich.

Leo Windtner, der als erster Präsident seine Geschäfte nicht von Wien aus führen wird, schafft es fast immer, an der Spitze zu landen. Das war schon in der Jugend-auswahl von St. Florian so. Vom Mitläufer kämpfte er sich hinauf zum Kapitän. Auch in der Politik gab er sich nicht mit Mittelmaß zufrieden – zehn Jahre lang war er Bürgermeister in seiner Heimatgemeinde. Die Kontakte hat er nie abreißen lassen, mit dem Landeshauptmann versteht sich Windtner ausgesprochen gut, auch mit Ludwig Scharinger (Raiffeisen-West) liegt der Netzwerker auf einer Linie.

 

Die Strukturreform

Geeinigt haben sich die Landespräsidenten auch auf eine längst fällig gewesene Strukturreform. Damit wird die Führung des Verbandes abgespeckt, die Entscheidungswege dementsprechend verkürzt und eine Stärkung der hauptberuflichen Tätigkeit vorgenommen. So wurde beschlossen, den Bundesvorstand ebenso wie den Beirat aufzulösen und aus der Organisationsstruktur zu streichen. Die Kompetenzen, die bisher der rund 40-köpfige Bundesvorstand innehatte, werden in weiterer Folge zum größten Teil dem Präsidium übertragen.

Um die Hauptamtlichkeit zu stärken, wird der Präsident bzw. das Präsidium die Geschäfte nicht mehr selbst führen. Der Generalsekretär, der zukünftig den Titel Generaldirektor tragen wird, lenkt eigenverantwortlich die operativen Geschäfte und wird seinerseits bereichsverantwortliche Direktoren bestellen.

Neu geschaffen wird ein Direktorium, bestehend aus sechs stimmberechtigten Personen (ÖFB-Präsident, je ein Vertreter der Regionen Ost/Mitte/West, Bundesligapräsident und ein weiterer Vertreter der Bundesliga). Ebenso werden diesem Gremium der ÖFB-Generaldirektor sowie der Bundesligavorstand angehören.

ZUR PERSON

Leo Windtner (*30. August 1950 in Linz)

ÖFB-Laufbahn: Seit 1996 Präsident des oberösterreichischen Fußballverbandes, seit 1999 ÖFB-Vizepräsident. Wahl zum ÖFB-Präsidenten am 28. Februar 2009.

Beruflicher Werdegang: 1978 Eintritt in die Energie AG Oberösterreich, seit 1994 Vorstandsvorsitzender.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2009)

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